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Walther Rathenau und seine Verdienste um Deutschland

Full text: Zum Gedächtnis an Walther Rathenau / Rathenau, Walther (Public Domain)

Bayern, und zwar nicht bloß die bayerische Regierung, sondern auch die 
„Münchener Neuesten Nachrichten“, und der Abgeordnete Quidde mußte 
sich noch Monate später öffentlich verteidigen, weil er den Versailler 
Frieden abgelehnt hatte. 
Aber die Unabhängigen agitierten lebhaft für die Annahme; aus 
Angst, Parteigenossen an diese zu verlieren, fielen erst die Mehrheits- 
sozialisten und dann die Zentrumspartei um. So kam es, daß sich im 
Reichstag eine Mehrheit für Unterschreiben des Friedensvertrages fand. 
Und noch erinnere ich mich der Beschämung, die ich empfand, als ich 
Ende Oktober 1919 in London aus dem Munde Lord Parmoors die Worte 
hören mußte: Ein Volk, das nicht Frieden schließt, kann nie besiegt werden. 
Ganz anders stand die Frage, nachdem wir unterschrieben hatten. 
Der Erfüllungspolitik sind aber in Deutschland mächtige Gegner entstanden, 
und wenn wir auf sie hören wollten, müßten wir alle unsere Leistungsfähigkeit 
übersteigenden Zumutungen, ohne auch nur den Versuch, unser Unvermögen 
darzutun, abweisen. Was auf diesem Wege zu erreichen ist, hat unser 
Vorgehen im Jahre 1921 gezeigt. Die Sache ist eben die, daß der Ver- 
bissenste unter unseren Gegnern gar kein Interesse hat, daß wir erfüllen. 
Er aber schreit am meisten über Nichterfüllung, weil er in dieser einen 
Rechtstitel sucht zur Erreichung seines eigentlichen Kriegszieles: der An- 
nexion der Rheinlande und der Zertrümmerung des Reiches. Dieser 
Gegner ist Frankreich. In den russischen Geheimdokumenten, die auf 
Grund der Veröffentlichungen der Sowjets 1918 noch von der kaiserlichen 
Regierung in Berlin herausgegeben worden sind, findet sich ein bezeich- 
nender Briefwechsel zwischen Paris und der Regierung des russischen 
Zaren. Paris verlangt, daß Rußland keinen Einspruch erhebe, wenn Frank- 
zeich im definitiven Friedensschluß für sich nicht nur Elsaß-Lothringen, 
sondern auch die Rheinlande verlange; Petersburg verlangt Konstantinopel 
für Rußland und — hören Sie — daß Frankreich beim Friedensschluß seine 
Stimme nicht zugunsten von Polen erhebe. Auf dieser Grundlage ver- 
ständigen sich die beiden. Und eben daß Frankreich infolge des Einspruchs 
von England die Rheinlande in Versailles nicht erlangt hat, ist der Vorwurf, 
der mit steigender Bitterkeit nicht nur von der französischen Militärpartei, 
sondern von den Tardieu und Genossen gegen Clemenceau erhoben wird. 
Aber Poincare hat die Rheinlande nicht vergessen. Daher sein unaus- 
gesetztes Streben nach Besetzung des Ruhrgebietes. Mit dieser wäre das 
letzte und wertvollste große Kohlenbecken Deutschlands in die Gewalt 
von Frankreich gebracht. Die deutsche Industrie, auf deren Leistungen 
wir angewiesen sind, wollten wir auch nur die von uns benötigten Lebens- 
mittel und Rohstoffe vom Ausland erhalten, geschweige denn die uns 
auferlegten Milliardenzahlungen entrichten, wäre damit in Abhängigkeit 
von französischer Willkür gebracht. Nun gibt es unter den Gegnern der
	        
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