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Walther Rathenau als Sozialökonom

Full text: Zum Gedächtnis an Walther Rathenau / Rathenau, Walther (Public Domain)

WALTHER RATHENAU ALS SOZIALÖKONOM. 
Von Dr. August Müller, Staatssekretär a. D. 
Es ist keine leichte Aufgabe, die Bedeutung des Schaffens einer so 
vielseitigen und durch unerschöpflichen Reichtum des Ceistes ausgezeichneten 
Persönlichkeit wie die Walther Rathenaus für ein bestimmtes Gebiet der 
Wissenschaft zu schildern. Denn der Mann, der wie kaum ein anderer 
seiner Epoche die Bedeutung der Spezialisierung, der Arbeitsteilung und 
Arbeitszerlegung für unser geistiges, wirtschaftliches und technisches Leben 
verstanden und verwertet hat, war selbst eine Persönlichkeit von universaler 
Bedeutung. Seine Art, die Dinge zu sehen, wurzelte im allgemeinen. 
Auch wenn er sich mit Spezialfragen beschäftigte, stand dahinter doch 
immer das Gesamtbild seiner Anschauungen über den gesellschaftlichen 
Entwicklungsgang, der für ihn eine Einheit von geistigen, technischen, 
wirtschaftlichen und politischen Vorgängen bildete. Untrennbar sind darum 
Rathenaus philosophische, politische, sozialökonomische und wirtschafts- 
technische Vorstellungen miteinander verbunden. Man zerreißt ein har- 
monisches, sich ineinander fügendes und zusammenhängendes Lehrgebäude, 
wenn man ein Teilgebilde daraus einer Sonderbetrachtung unterwirft. 
Wenn es trotzdem hier geschieht, so deshalb, weil die sozialen und wirt- 
schaftlichen Nöte der Gegenwart den sozialökonomischen Anschauungen 
Walther Rathenaus ganz besondere Bedeutung verliehen. Diese Ver- 
öffentlichung würde ihre Aufgabe nicht voll erfüllen, wenn sie dem von 
ruchloser Mörderhand der Arbeit für Volk und Heimat jäh Entrissenen 
nicht auch ein Gedenkwort widmete, das zu schildern versucht, wie Walther 
Rathenau den sozialökonomischen Werdegang in unseren Tagen sah und 
wie er ihn beeinflußt haben wollte. 
Während des Krieges, in den Zeiten, in denen die aus vagen 
Hoffnungen, Ungewißheiten und Besorgnissen erwachsenden nervösen 
Spannungen die Menschen in ganz anderer Art zum Gedankenaustausch 
miteinander trieben als heute, in den Tagen des Unglücks, das man 
damals zwar ahnte, aber noch zu verhindern hoffte, saß ich oft mit Rathenau 
in ernsten Zwiegesprächen zusammen. Der Krieg hatte meines Schicksals 
krausen Weg gerade von der entgegengesetzten Seite aus, von der Rathenau 
kam, an eine Stelle getrieben, die mir ähnliche Einblicke hinter die Kulissen 
der großen Tragödie ermöglichte, wie dem Dahingeschiedenen bei der 
Organisation der Rohstoffbeschaffung. Gleiche Erfahrungen hatten uns 
beide zur gleichen Skepsis in der Beurteilung der Kriegslage und der 
Kriegsaussichten geführt. Weniger einheitlich war aber unsere Beurteilung 
sozialer Dinge. Ich kannte die Arbeiterbewegung, ihre durch Schlagworte 
beherrschte Ideologie, ihre Fehler und Schwächen, und so sehr mich auch 
im Grunde das aroße Vertrauen, das Rathenau in die deutsche Arbeiterschaft
	        
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