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Beiträge zur Geschichte Walther Rathenaus

Full text: Zum Gedächtnis an Walther Rathenau / Rathenau, Walther (Public Domain)

mag: als Handwerker, als Ackersmann, als Soldat oder als Geschäfts- 
mann —, so ist ihm ein Schnitt und ein Widerspruch zuteil geworden, 
und in seinem Leben wird es nie ohne inneren Kampf gehen. Und da 
ich von mir reden will und reden darf, weil Sie es gestatten, so muß ich 
Ihnen das gestehen: Ein Kampf ist durch mein Wesen immer gegangen. 
In dem Phaidros des Plato steht ein wundervolles Gleichnis vom 
Wagenlenker und den beiden Rossen. 
ledesmal, wenn ich dieses Gleichnis und die herrliche Beschreibung 
gelesen habe, dann hat es mir ein sonderbares Gefühl und wie eine 
plötzliche Erleuchtung gegeben. Sie wissen, daß von den menschlichen 
Leidenschaften und Trieben gesprochen wird, von denen ich im Augen- 
blick nicht rede; der Vergleich aber schildert einen griechischen Wagen mit 
zwei von jenen edlen, starkhalsigen, griechischen Vollblütern. Man sieht, 
wie das eine Pferd sich bäumt, den Zügel packt, schäumt und schwitzt, 
sich zusammenreißt, biegt, auf die Hinterbeine setzt und stutzt und dann 
wieder hinwegfliegt; der Wagenlenker muß sich zur Seite beugen, um 
der Kurve nachzugeben, und dann geht das Spiel auf der anderen Seite 
mit dem anderen Gaule los. Dieses prachtvolle Bild ist ja wohl für ein 
so kleines Leben ein zu hohes, aber ich habe es mir immer wieder an- 
eignen müssen, um etwas von dem zu verstehen, was mir zugedacht war. 
Es ist nicht verwunderlich, daß ein Mensch leiden muß, dem auf 
der einen Seite es beschieden ist, den Dingen nachzuhängen und nach- 
zuträumen, in Sehnsucht und Empfindung, und den dann wieder der Teufel 
reitet, daß er in die Welt eingreifen und aufgekrempelt bis zum Ellenbogen 
in diesen Dingen der Welt rühren und kneten muß. 
£s ist ein Widerspruch, der zu Spannungen führt, die Menschen nur 
sehr schwer auf die Dauer ertragen können. Ich habe das durchgemacht 
und habe nie recht gewußt, warum, und habe ferner es erlebt, daß zu 
den vielen Schwächen, die ich habe, und die mit großem Recht die Menschen 
mir vorgeworfen haben, noch viel andere mir vorgeworfen wurden, die 
ich nicht hatte. Denn dieses Doppeldasein war schlechterdings für die 
Menschen ein unverständliches, deshalb widerwärtiges Wesen. Ich kann 
es aber nicht ändern, und es wird bis zu meinem Tode so bleiben.“ 
Von so hoher, grübelnder Selbsterkenntnis war der Mann erfüllt, 
der die Gaben seines Geistes und seines Herzens verschwenderisch der 
Menschheit darbot, bis die Mordwaffe verwahrloster Dummköpfe seinem 
kostbaren Leben ein Ziel setzte. 
Am Nachmittag des Unglückstages hatte ich die Mutter zur Leiche 
des Sohnes geleitet und später war ich allein bei ihm geblieben und hatte 
letzte Zwiesprache gehalten mit dem Toten, der schön und verklärt mit 
tief gesenkten Wimpern zu schlafen schien. Da habe ich still sein liebes 
Haupt gestreichelt und von dem Edelmenschen Abschied genommen,
	        
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