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Betrachtungen

Full text: Der falsche Hauptmann von Cöpenick / Klaußmann, Anton Oskar (Public Domain)

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Um 5 Uhr morgens tönt im Sommer die Glocke des 
Zuchthauses. In ihren Zellen erheben sich die Häftlinge, die 
Gefangenenwärter eilen von Zellentür zu Zellentür, um sie 
zu öffnen, damit die Gefangenen die Kleidungsstuücke, die sie 
abends beim Schlafengehen vor den Zellentüren niederlegen 
mußten, hineinnehmen und sich ankleiden können. Nach der 
strengen Vorschrift muß in der naͤchsten Viertelstunde jeder 
Häftling das Fenster öffnen, das Beit, bestehend aus einer 
Roßhaarmatratze, einem Beittuch mit Wolldecke und Kopf⸗ 
polster, in Ordnung bringen, sich Hals, Kopf, Brust, Gesicht 
und Hände waschen, das Haar kämmen, die Kleider und die 
Zelle reinigen, um, wenn das naͤchste Glockenzeichen ertönt, 
sofort an die Arbeit zu gehen. Dort steht der Gefangene an 
der Maschine, die in seiner Zelle aufgeflellt wurde, und in— 
dem er sie mit dem linken Fuͤße tritt arbeitet er fleißig an 
den Schuhen, die ein Unternehmer ini Gefängnis anfertigen 
läßt und an denen der Häftling an seiner Maschine eine be— 
stimmte Arbeit vorzunehmen hat. 
Um 6 Uhr wird durch die Klappe in der Zellentür das 
Frühstück gereicht, für das eine Viertelstunde Zeit gelassen 
wird, dann ertönt die Glocke abermals und die Arbet wird 
fortgesetzt. Um 1138 Uhr kann sie wieder unterbrochen wer— 
den, dann heißt es: die Zelle aufräumen, besonders die Ab⸗ 
fälle von der Arbeit sorgfältig aufsammeln. Um 12 Uhr 
wird das Mittagbrot durch die Klappe in der Tür gereicht. 
Eine Stunde bleibt Zeit, um zu essen und ein wenig aus⸗ 
zuruhen. Um 1. Uhr beginnt die Arbeit wieder. Gegen 
3 Uhr holt ein Wärter den Häftling aus der Zelle und bringt 
ihn in den Hof, damit der Gefangene hier den täglichen 
Spaziergang von einer halben Stunde, der aus Gefund⸗ 
heitsrücksichten vorgeschrieben ist, vornehmen kaun. 
Das Wort »Spaziergang“ ist natürlich nicht in dem 
Sinne zu verstehen, der für den freien Menschen Gülligkeit 
hat. Zwischen hohen Mauern, mit einer Maske vor dem 
Gesicht, trotten die Gefangenen maschinenmäßig hin und 
her. Es ist auf das strengsie verboten, stehen zu bleiben, ein 
Zeichen zu geben, oder mit jemandem zu sprechen. Der Ge— 
fangene, der nach der Zelle zurückgebracht ist, hat nun bis 
¶ Uhr zu arbeiten, dann kommt eine Viertelsiunde Pause, in 
der er, das Nachmittagbrot verzehrt, dann wird die Arbeit 
bis 66 Uhr abends fortgesetzt. Die Aufseher und Kalfat— 
toren gehen darauf von Zelle zu Zelle, nehmen die fertige 
Arbeit ab, stellen fest, ob der Gefangene das ihm vorgeschrie⸗ 
bene Maß von Arbeit verrichtet hat, sehen nach, ob die Arbeit 
gut gausgefallen ist, nehmen die Abfälle ab und veranlafsfen 
den Gefangenen, sämtliches Handwerkszeug mit dem Werk 
zeugkasten vor die Tür der Zelle zu stellen. Die Gefangenen 
müssen sich dann wieder waschen, und um 7 Uhr wird das 
Abendessen ausgeteilt.
	        
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