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9. Kaiser-Geburtstagspredigt, gehalten am 50. Geburtstage seiner Majestät des Kaisers am 27. Januar 1909 vor der Garnisongemeinde

Full text: Erinnerungsblätter und -bilder aus dem Leben der Luisengemeinde in Charlottenburg / Riemann, Otto (Public Domain)

es echt-deutschem und echt⸗christlichem Volksempfinden entsprechen, 
wenn der Mann an der Spitze unseres Volkes nur ein Schein—⸗ 
oder Schatten-Kaiser wäre ohne wirkliche Herrschergewalt?! 
Freilich, wir leben in einem konstitutionellen Reiche und wir 
wünschen natürlich auch, daß das mündig gewordene deutsche Volk 
seinen Anteil am Regimente hat; aber andererseits steckt uns das 
alte griechische „Einer soll Herrscher sein!“ so tief auch im deutschen 
Blute, daß wir einen Mann mit Vollmacht an unserer Spitze 
sehen wollen und keinen bloßen Schein- oder Schatten-Kaiser. 
Und, Gott sei Dank, unser Kaiser ist dazu der rechte Maenn. Dem 
können wir heute an seinem 50. Geburtstage im Brustton ehrlichster 
Uberzeugungzurufen: „Mache dich auf; denn dir gebührt es!“ 
Meine lieben Brüder und Schwestern, es ist doch Tatsache, 
daß man uns im Auslande sehr vielfach um ihn beneidet wegen 
seiner persönlichen Initiative in allem Großen und Guten zu 
Deutschlands Heil. Und wenn man es im vergangenen Jahre 
fertig bekommen hat, einen Schatten auf sein Bild zu werfen, der 
Schatten haftet nicht, der weicht schnell wieder. Das Ausland 
täuscht sich glücklicherweise darüber auch ganz und gar nicht, und 
wir deutschen Patrioten der verschiedensten Richtungen und 
Parteien, die wir ihn kennen, und vor allem wir deutschen Soldaten 
in des Kaisers Rock werden erst recht nicht an ihm irre, und alles 
unehrerbietige und hofmeisternde Gerede und Geschreibsel über 
ihn verletzt uns nur aufs tiefste. Wir sehen eben in einem Drei— 
fachen sein gottgegebenes Kronenrecht, uns voranzugehen und uns 
zu führen, nämlich erstens in der Tatsache, daß Gottes Gnade 
ihn an seinen Führerplatz gestellt hat, und zweitens in 
seinem eigenen demütigen Bewußtsein: „Von Gottes 
Gnade bin ich, was ich bin!“ und drittens in der ganzen 
lichten Ausrüstung, die ihm sein Herrgott in das 
Herrscheramt mitgegeben hat. 
Allerdings, das „Gottesgnadentum“ ist manchen modernen 
Geistern heute ein Dorn im Auge. Fanatiker des Eigen- und 
Einzigrechtes‘ ihres persönlichen Subjektivismus behaupten, „die 
Formel vom Gottesgnadentum“ sei „ein Widerspruch zu dem 
religiös-sittlichen Empfinden und zu dem politischen Empfinden 
der Besten des Volkes.“ Nun, ich denke, wir gehören doch auch 
nicht gerade zu den Schlechtesten des Volkes und doch empfinden 
wir von solchem Widerspruch nichts. Und wenn man speziell von 
uns Pastoren verlangt, daß auch „die edlen Herren der Kirche 
gegen das Gottesgnadentum protestieren“ sollten, dann tun wir 
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