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„Die Hoffnung.
Von Herman Heijermans.
Der Naturalismus hat sich überlebt; und doch ist das erste
schöne Stück, das wir seit langem auf dem Theater gesehen haben,
ein naturalistisches. Wie erklaͤrt fich das? Ganz einfach: Es ist
ein Dichter gekommen. Und es zeigt sich wieder, daß die Lite—
ratur sich nicht in „Richtungen“ bewegt. Die literarischen Rich—
tungen existieren nirgends als in der Literaturgeschichte. Die „Be⸗
wegungen“, die „Strömungen“ oder gar die „Perioden“ werden der
Literatur lediglich eingeredet vom germanistischen Seminar. Die
Literatur kennt nur eines: die Persönlichkeit. Und die einzige
literarische Weiterbewegung ist eben diese: Es kommt ein Dichter.
Wenn ein allzu großes Geschrei von „Richtung“ in der
Welt ist, so kann das immer als Symptom gelten für einen
Mangel an Persönlichkeit. Darum sieht es so jämmerlich aus in
der deutschen Bühnenliteratur der letzten zehn Sahre: sie ist ganz
„Richtung“. Es ist das Gerichtetste an Richtung, was es je gegeben
hat. Und da wir es satt hatten, uns Richtungsstücke schreiben zu
lassen von nüchternen Köpfen, die sich für Dichter hielten, wenn
sie die Fuhrleute sprechen ließen, wie die Fuhrleute sprechen, —
so meinten wir, der Naturalismus habe sich überlebt. Aber es
zeigt sich, daß nicht der Naturalismus sich überlebt hat, sondern
die Naturalisten. Und es gibt nichts Altes und nichts Neues in
der Literatur. Und das Alte wird sofort modern, wenn es nur
heute wieder von einer Persönlichkeit vorgebracht wird. Und als der
Naturalismus tot war, kam, wie gesagt, ein Dichter und machte
ihn wieder lebendig.
Dieser Dichter aber ist aus Holland gekommen. Er heißt
Herman Heijermans, und sein Drama ist betitelt: „Die Hoff—
nung. Ein Seestück in vier Akten.“ Die „Hoffnung“ schildert
getreu nach der Wirklichkeit das Dasein und die Schicksale der
armen holländischen Schifferbevölkerung. Es zeigt sich in dem
Stücke eine große Kunst, mit einfachen Mitteln lebensvoll zu
Erstaufführung im „Deutschen Theater“ am 8. Oktober 1901.
Goldmann: Die „neue Richtung“.