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Band 6 Ein Bild aus der Berliner Lebewelt

Full text: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung / Friedländer, Hugo (Public Domain) Ausgabe 6 Band 6 (Public Domain)

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Es handelt sich um erhebliche Objekte, nämlich 16 000 M., 
2000 Mark, 1650 Mark, 1000 Mark und 800 Mark. Auf der 
anderen Seite muß das Sachverständigen-Gutachten zu- 
gunsten des Angeklagten berücksichtigt werden. Dieser’ist 
ja moralisch minderwertig, aber wenn er in Ruhe vorgeht, 
dann ist er, wie wir hier gesehen, sehr klar und hat eine be- 
wunderungswürdige Überredungsgabe. Ferner muß berück- 
sichtigt werden seine Jugend, der Umstand, daß er von 
seiner Familie verlassen war, mit 30 Mark monatlich aus- 
kommen sollte, und daß er schon vor seiner Heirat den 
Willen bekundet hat, den Schaden einigermaßen wieder gut- 
zumachen. Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände 
beantrage ich eine Gesamtstrafe von einem Jahre sechs 
Monaten Gelängnis, — Der Angeklagte protestierte gegen 
die Behauptung des Staatsanwalts, daß er von seiner Familie 
verstoßen sei und bat, durch ein Telegramm an seinen 
Vater das Gegenteil festzustellen. — Der Vorsitzende ver- 
wies den Angeklagten darauf, daß der Vater seine Zeugen- 
aussage verweigert habe. — Verteidiger, R.-A. Dr. Jafje: 
Ich muß zunächst mein Bedauern aussprechen, daß der 
Staatsanwalt bei seinen Auslührungen wieder damit ange- 
langen hat, Dinge, die wir als erledigt erachteten, hineinzu- 
ziehen. Es handelt sich um persönliche Angrilie des Staats- 
anwalts, und ich bin genötigt, kurz darauf einzugehen. — 
Der Verteidiger ging alsdann auf die einzelnen Punkte ein, 
welche der Staatsanwalt ihm vorgeworlen hat und fuhr 
hierauf fort: Es ist schon unrichlig, was der Staatsanwalt 
bezüglich der Halt des Angeklagten gesagt hat: Wir müssen 
uns an das, was nicht nur in der Anklage, sondern auch an 
das, was in dem Eröffnungsbeschluß steht, halten. In dem 
Eröffnungsbeschluß steht wörtlich: „Seit dem 23. Dezcmber 
1910 in dieser Sache in Halt.“ * Es ist also unrichtig, wenn 
der Staatsanwalt sagt, Metternich sitze in der Stallmann- 
sache in Halt. Die ganze Anklage ist juristisch so schwach, 
juristisch so inhaltlos, wie selten eine Anklage, trotzdem sie 
von dem Oberstaatsanwalt unterzeichnet ist. Sie ist sicher- 
lich auch nur von einem Referendar verfaßt worden, der es 
jedenfalls nicht bis zum Assessor bringen dürlte. Was die 
Form des Ablehnungsgesuches anlangt, so fehlt anscheinend
	        
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