Path:
Band 6 Ein Bild aus der Berliner Lebewelt

Full text: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung / Friedländer, Hugo (Public Domain) Ausgabe 6 Band 6 (Public Domain)

219 — 
reien, um die es sich hier handelt, zum Vorschein. er 
Untersuchungsrichter ließ sich zunächst die Zivilakten in 
den Fällen, in denen die Lieleranten Klage erhoben hatten, 
kommen, und aus diesen ergab sich dann diese Blütenlese 
betrügerischer Handlungen. Dieses ganze Stralverlahren 
spielt gegenüber der Hauptsache eine untergeordnete Rolle. 
Der Angeklagte kann sich nimmermehr darüber beklagen, 
daß er irgendwie ungerecht behandelt worden sei. Er steht 
der Justizverwaltung nicht anders gegenüber, wie irgendein 
anderer Sterblicher; er ist nicht besser und nicht schlechter 
wie jeder andere behandelt worden. Hierbei will ich zu der 
Klage des Angeklagten über seine Behandlung im Ge- 
fängnis betonen, daß er nicht deshalb disziplinarisch bestralt 
ist, weil er sich nicht vom Bett erhob, als der Oberauiseher 
kam, sondern, weil er sich dem Oberaulseher gegenüber un- 
angemessen benommen hatte. Nach meiner Meinung hätle 
dieser Prozeß in ein oder zwei Tagen eriedigt werden 
können; er bietet nichts Außergewöhnliches, es handelt sich 
um ganz banale Betrugshandlungen. Wenn dieser Prozeß 
so großes Aufsehen erregt, so ist dazu seilens der Behörde 
nichts geschehen. Aber der Angeklagie, der alle Veran- 
lassung gehabl hätte, im Interesse seiner Familie und seines 
Namens alles Aufsehen zu vermeiden, hat alles geian, um 
fortgesetzt Tamtam in der Presse schlagen zu lassen. Troiz 
des so künstlich entlachten Aufsehens hätte sich dieser Pro- 
zeß wohl in dem gewöhnlichen Rahmen abgespielt, wenn 
nicht am ersten Tage der Verhandlung der seltsame Anirag 
auf Ablehnurg des Gerichtshofes gekommen wäre. Ich 
muß diesen Äntrag beleuchten, weil aus dessen Stellung 
doch der Schluß zu ziehen ist, daß der Angeklagte und seine 
Verteidiger einsahen, wie schlecht die Sache des Ange- 
klagten stand. Schon die Stellung dieses Antrages erst in 
der Sitzung ist seltsam. Es ist dach gang und gäbe, daß 
vorher deım Gericht Gelegenheit gegeben wird, den behaup- 
teten Sachverhalt sofort klarzustellen. Dies war um so mehr 
geboten, als es den Verteidigern bekannt war, daß weder 
dem Gericht noch mir die Akten in der Sache Stallmann 
bekannt waren. Aber das schadete nichts: die Sache sollte 
plötzlich, wie ein Blitz, in die Verhandlung hineinfahren,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.