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Band 6 Ein Bild aus der Berliner Lebewelt

Full text: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung / Friedländer, Hugo (Public Domain) Ausgabe 6 Band 6 (Public Domain)

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hin sei er zur Tilgung der Schuld aufgefordert worden, habe 
Ratenzahlungen vereinbart; die Raten seien auch pünktlich 
eingegangen. — Im nächsten Anklagelall hatte der Ange- 
klagte bei dem Hofschuhmachermeister Breitsprecher vom 
Juni 1909 bis 30. April 1910 elegante und sehr teure Stiefel 
anfertigen lassen. Der Preis der einzelnen Stiefel schwankte 
zwischen 40 und 48 Mark. Der Angeklagte war der Firma 
593 Mark schuldig geworden und hatte darauf 180 Mark an- 
gezahlt. Es wurde ihm nun eine betrügerische Absicht zur 
Last gelegt, indem behauptet wurde, er habe bei der Be- 
stellung als Wohnort Schloß Gracht bei Wien angegeben. 
— Angeklagier: Ich habe in keiner Weise einen Betrug be- 
gangen. Man braucht bloß im Gotlhaischen Kalender nach- 
zuschlagen, um zu sehen, daß meine Familie das Recht hat, 
sich Gracht zu nennen. Was die Stiefel betrifft, so ist die 
kontrahierte Schuld nur für Stiefel ja anscheinend etwas 
viel, aber man muß bedenken, daß ich aus Amerika ge- 
kommen war. Ich hatte wohl Stiefel für das Land, aber keine 
für die Stadt, und ich hatte in Frankfurt a. M. meine Sachen 
verkaufen und zu Gelde machen müssen, um die mir in 
Aussicht stehende Stellung annehmen zu können. Für die 
Stielel sind doch auch sehr hohe Preise berechnet, das zeigt 
schon, daß es Preise für Gewährung von Kredit sind. Die 
Preise läßt Herr Breitsprecher sich zahlen, weil er einen 
Namen hat und für das schöne goldene Wappen an seinem 
Firmenschild. Das müssen wir Kunden bezahlen, weil er 
Hofschuhmacher ist. — Zeuge Jaenicke, Mitinhaber der 
Firma Breitsprecher, bekundete: Er habe dem Angeklagten 
hauptsächlich mit Rücksicht auf seinen klangvollen Namen 
die Stielel geliefert. Was die Erwähnung des Schlosses 
Gracht betrifit, so sei es möglich, daß er zuerst bei der Nen- 
nung des Namens Metternich ergänzend gelragt habe, 
„Schloß Gracht‘, um damit festzustellen, ob der Angeklagte 
zu jener Familie Metternich gehöre. Im ganzen habe der 
Angeklagte 593 Mark für Stielel zu bezahlen gehabt und ein 
Darlehen von 50 Mark erhalten. — Vors.: Der Angeklagte 
meint, daß die Preise in Ihrem Geschäft von vornherein auf 
Kreditgeben bemessen seien. — Zeuge: Nein, die Preise 
sind völlig angemessen. Es werden sogar noch Zinsen be-
	        
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