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Band 6 Ein Bild aus der Berliner Lebewelt

Full text: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung / Friedländer, Hugo (Public Domain) Ausgabe 6 Band 6 (Public Domain)

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worden, die ihm seine Frau. geschrieben ‘hatte. — R.-A. 
Dr. Jafie hielt dem Zeugen eine Reihe dieser Briele vor. 
Der Zeuge bestätigte in jedem einzelnen Falle, daß er sich 
daran erinnere. In einem Brief vom 11. Juni hieß es: Frau 
Werliheim ist wieder einmal im Bett, und ich sitze auf dem 
Balkon und harre ihrer Beiehle. Und wenn sie mir sagt, wie 
schlecht sie sich fühlt, warum regt sich da kein Mitleid in 
meinem Herzen? Eins ist sicher, daß seit dem 1. Juni etwas 
in mir erstorben ist, als diese Frau, die meine Mutter ist, 
mich bespuckte, Mir war, als ob etwas in mir tot sei und ich 
weiß, es wird auch nie mehr in mir aulleben.‘“ — In einer 
Reihe anderer Briefe heißt es u. a.: „Ich fühle mit dieser 
Frau, die mich geboren hat, keinen seelischen und keinen 
körperlichen Zusammenhang, und sie ist doch meine Mut- 
ter.“ „Es ist doch so traurig, täglich und stündlich mit einer 
Frau zusammen zu leben, die die Mutter ist und der man so 
Iremd, ach so Iremd gegenübersteht, die man nicht einmal 
achten kann.“ — „Es tut mir weh, dieses Haus meine Hei- 
mat nennen zu müssen.“ Eines Tages erklärte Frau Wert- 
heim, daß sie am Wannsee bei Cladow für die Bewerber 
Dollys eine Villa gemietet. habe. An einem.andern Tage er- 
klärte Frau Wertheim: „Mir ist es lieber, du wirst die Mä- 
tresse eines Prinzen, als die Frau irgendeines Herrn 
Mayer.“ In einem Briele von Ende 1907 heißt es: „Ich bin 
schon gehaßt worden, ehe ich lebte. Mama erzählte mir 
hundertimal, wie sie mich hasse. Nur den einen Wunsch 
hatte sie in dieser Zeit, befreit von der ‚Unbequemlichkeit‘ 
zu sein. Ich war das Kind des Mannes, den sie haßte, und 
sie trug mich auch im Haß. Meine erste Erinnerung aus 
meiner Kindheit ist: Ich lag im Wagen, Mama zeigte mir ein 
Bild und sagte: ‚Das ist deine Tante.‘ — Es war ein ‘Bild 
einer Mätresse meines Vaters.“ — „Von diesem Sumpf, der 
in der Seele dieser Frau liegt, die meine Mutter heißt, 
machst Du Dir keine Ahnung. Du, laß mich nicht zu lange 
in dieser Hölle.“ — „Ich schäme mich, diese Frau als 
Mutter zu haben.“ . . . In einem andern Briefe hieß es: 
„Frau Salbach bat Frau Wertheim, ihr doch einige Billette 
zur Unterstützung für einige arme jüdische Kinder abzu- 
nehmen. Frau Wertheim äußerte bei Empfang des Briefles:
	        
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