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Band 6 Ein Dompropst vor Gericht

Full text: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung / Friedländer, Hugo (Public Domain) Ausgabe 6 Band 6 (Public Domain)

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gegeben. Die Grenzen des ihm zustehenden -Züchtigungs- 
rechts habe er aber nicht überschritten. — Es wurde darau{ 
der 15jährige Handlungslehrling Franz Werner als Zeuge 
aufgerufen. Er bestritt, mit den beiden Mädchen Ungehörig- 
keiten begangen zu haben. Da er, vom Propst zur Rede ge- 
stellt, dies bestritten, habe ihn der Propst geohrfeigt und ihn 
genötigt, ein Schriltstück zu unterschreiben. Er wisse aber 
nicht, was er unterschrieben habe! — Arbeiter Werner, 
Vater des Franz Werner, bekundete als Zeuge: Sein Sohn 
sei ein sehr braver Junge. Er glaube nicht, daß er in un- 
züchtiger Weise mit Mädchen verkehrt habe. Der Knabe 
erzählte, er sei infolge der Schläge so eingeschüchtert ge- 
wesen, daß er zu allem ja gesagt habe. Er habe etwas unter- 
schreiben müssen, er wisse aber nicht, was er unterschrie- 
ben habe. Als der Knabe nach Hause kam, beland er sich 
infolge der vielen und heftigen Schläge in einem Zustande, 
daß er nicht wußte, was er tat. — Vors.: Sie haben gegen 
den Propst Stralantrag gestellt? — Zeuge: Jawohl. — Vors.: 
Sie haben aber trotzdem Ihren Sohn immer noch angehal- 
ten, beim Herrn Propst die Messe zu besuchen? — Zeuge: 
Jawohl. — Vors.: Ihr Sohn soll von seinem Prinzipal ent- 
lassen worden sein, weil sich Unregelmäßigkeiten ergeben 
hatten? — Zeuge: Das ist unwahr. — Verl.: Ist es wahr, daß 
Sie zu dem Herrn Propst 2sagt haben, Sie werden Ihren 
Sohn auch noch züchtigen? — Zeuge: Das ist richtig, ich 
glaubte eben, mein Sohn habe sich vergangen. — Vors.: Als 
Ihr Sohn von dem Herrn Propst gezüchtigt wurde, hatten 
Sie da schon gehört, daß der Herr Propst mit den Mädchen 
Unsittlichkeiten begangen habe? — Zeuge: Nein, das habe 
ich erst später gehört. — Frau Werner, Gattin des Vorzeu- 
gen, bekundete: Eines Tages kam ihr Sohn Franz heftig 
weinend nach Hause und klagte: Der Propst habe ihn 
[urchtbar geschlagen, weil er mit Mädchen unanständige 
Dinge begangen habe, das sei aber nicht wahr. Der Propst 
hatte dem Knaben einen Zettel mitgegeben: „Ihr Sohn hat 
unanständigen Verkehr mit Mädchen unterhalten, ich bitte 
aber, ihn nicht übermäßig zu bestrafen.“ — Vors.: Trauen 
Sie Ihrem Sohne das Treiben solcher Dinge zu? — Zeugin: 
Es ist mein Kind, ich kann versichern, ich traue es dem
	        
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