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Band 3 Der Beleidigungsprozeß des Berliner Stadtkommandanten, Generalleutnant z. D. Graf Kuno von Moltke gegen den Herausgeber der "Zukunft" Maximilian Harden

Full text: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung / Friedländer, Hugo (Public Domain) Ausgabe 3 Band 3 (Public Domain)

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einer solchen ist also bei dem Grafen Moltke gar keine Rede. 
Der Angeklagte hat ihn vollständig zu Unrecht bezichtigt. 
Graf Moltke steht sittenrein da, kein Makel haftet ihm an und 
blank und fleckenlos steht sein Ehrenschild da. Harden, der 
diese Ehre durch üble Nachrede verunglimpft hat, ist nach 
$ 186 zur Rechenschaft zu ziehen. Er hat sich aber auch 
nach $ 185 schuldig gemacht. Zunächst dadurch, daß er den 
Nebenkläger als „Süßen‘‘ bezeichnet hat, ferner dadurch, daß 
er mit Bezug auf die Liebenberger Tafelrunde sagte, „sie 
haben’s schon warm genug.“ Dadurch hat er auf die Homo- 
sexualität der Mitglieder der Tafelrunde hingewiesen und 
einen Anklang an eine landläufige Bezeichnung geliefert. Die 
Beleidigungen sind auch nicht verjährt, denn es handelt sich 
um ein einheitliches fortgesetztes Delikt; die beleidigenden 
Äußerungen beruhen auf einem einheitlichen Vorsatz und 
sind als eine Tat anzusehen, die erst in dem letzten Angriffs- 
artikel ihren Abschluß erlangte. Der Strafantrag ist hier- 
nach rechtzeitig gestellt. Der Angeklagte kann auch nicht 
den Schutz des 8 193 in Anspruch nehmen, denn auch als 
politischer Schriftsteller hat er nicht däs Recht, politische 
Interessen unter Verletzung der Ehre anderer zur Geltung 
zu bringen. Was die Strafzumessung betrifft, so konnte von 
einer Geldstrafe bei der außerordentlichen Schwere der Be- 
leidigung nicht die Rede sein; sie war nur durch eine Ge- 
fängnisstrafe zu sühnen. Daß der Angeklagte als politischer 
Schriftsteller seine politischen Gegner so scharf wie möglich 
bekämpft, ist sein Recht, aber dreimal hätte er es sich über- 
legen sollen, ehe er die vita sexualis bestimmter Personen 
in die Öffentlichkeit zerrte. Der Verdacht kann nicht zurück- 
gewiesen werden, daß auch eine Sensationslust mit im Spiele 
war. Gerade die von ihm gewählte Form seiner Artikel 
deutete darauf hin. Die schärfste Rüge verdient es aber, 
wenn mit einer Leichtfertigkeit, wie in diesem Falle, vor- 
gegangen wird. So wie im Vorliegenden Falle darf kein ern- 
ster politischer Schriftsteller handeln. Er muß sich bewußt
	        
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