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Band 3 Die Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter in Konitz

Full text: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung / Friedländer, Hugo (Public Domain) Ausgabe 3 Band 3 (Public Domain)

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seinem Lehrbuche: „Der Richter bei Meineidsprozessen muß 
besonders vorsichtig sein, da es dabei sehr auf das Gedächt- 
nis und die Gedankenschlüsse ankommt.‘ Also selbst wenn 
Sie der Auffassung des Staatsanwalts beitreten, müssen Sie 
doch freisprechen, wenn Sie nicht auch überzeugt sind, daß 
der Angeklagte trotz schlechter Augen Winter persönlich 
gekannt und an der Photographie erkennen mußte. Ich 
habe die Überzeugung, Sie werden dem Herrn Ersten Staats- 
anwalt beipflichten: wenn auch draußen noch so sehr die 
Parteileidenschaften toben, Sie werden unparteiisch ohne An- 
sehen der Person Ihres Richteramtes walten. Selbst wenn Sie 
zu dem Ergebnis kommen, daß dem Angeklagten ein größerer 
Verkehr mit Winter nachgewiesen sei, dann können Sie ihn 
doch nicht wegen wissentlichen Meineides verurteilen, dann 
müssen Sie sich erst fragen, ob sich der Angeklagte dessen 
bewußt gewesen sein muß, daß er den Namen Winter nicht 
gekannt habe. Sie müssen feststellen, ob Lewy die Fähigkeit 
besitzen mußte, sich darüber klar zu werden, daß das bekannte 
Bild, dieses alte Bild, einen Mann seines Verkehrs darstellt. 
Wenn Sie nicht zu dieser Überzeugung kommen, dann müssen 
Sie meinen Klienten freisprechen. Ich habe das Vertrauen 
zu Ihnen, meine Herren Geschworenen, daß Sie ihn frei- 
sprechen werden. Ich weiß, Sie haben nicht vergessen des 
Herrn Ersten Staatsanwalts Mahnung, daß Sie nur nach den 
Eindrücken urteilen dürfen, welche Sie hier im Gerichtssaal 
empfangen haben. Ich vertraue, daß Sie nicht Ihr Urteil 
von dem Standpunkt fällen werden: Es rast der See und will 
sein Opfer haben! Nicht was draußen vorgeht, außerhalb 
dieses Saales, wird von Einfluß auf Sie sein, sondern hier 
handelt es sich für Sie nur darum, daß jeder von Ihnen, 
sehr geehrte Herren, sich sagt: „Ich habe mein Richter- 
amt auszuüben, frei von allen Rücksichten auf die Stürme und 
Kämpfe im öffentlichen Leben, ich habe das Recht zu suchen, 
frei von jeder Erregung; ich habe dem Angeklagten Gerech- 
tigkeit widerfahren zu lassen!‘ Meine Herren, ich bin dessen
	        
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