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Band 1 Prozeß wider das Grafen-Ehepaar Kwilecki wegen Kindesunterschiebung

Full text: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung / Friedländer, Hugo (Public Domain) Ausgabe 1 Band 1 (Public Domain)

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ten der Verhandlung bei Professor Dr. Dührßen, Gerichts- 
arzt Medizinalrat Dr. Störmer, Kreisarzt Medizinalrat Dr. 
Leppmann, Gerichtsarzt Professor Dr. Straßmann und Pro- 
fessor Dr. Alexander Brückner (Berlin), Kreisarzt Dr. Pa- 
niarski (Posen), Sanitätsrat Dr. Rosinski (Wronke), Professor 
Dr. Freund (Straßburg, Elsaß) und als Schreibsachverstän- 
diger Rechnungsrat Junge (Berlin). Da die Mehrheit der 
Zeugen nur polnisch verstand, waren Regierungsrat Brandt 
und Rechnungsrat Groß als Dolmetscher der polnischen 
Sprache hinzugezogen. Der große Schwurgerichtssaal des 
alten Moabiter Gerichtsgebäudes, in dem der Kampf um das 
Grafenkind 20 Tage geführt wurde, bot einen ganz seltenen 
Anblick. Ist es schon ein noch niemals vorgekommenes Er- 
eignis, daß ein gräflicher Majoratsbesitzer nebst seiner Gat- 
tin aus der Untersuchungshaft auf die Anklagebank geführt 
wird, um sich wegen eines Verbrechens zu verantworten, 
das im Strafgesetzbuch mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren 
bedroht ist, so veranschaulichten die Zeugen, weit über 200 
an der Zahl, ein ganz eigenartiges Bild. In erster Reihe 
fiel der kleine Graf Joseph Stanislaus Kwilecki, der, ganz 
in Weiß gekleidet, den Gerichtssaal betrat, auf. Der kleine 
Junge, mit schneeweißem, fein geschnittenem, klassisch schö- 
nem Antlitz, schwarzem, dichtem Lockenhaar und kohlschwar- 
zen großen Augen, hatte jedenfalls keine Ahnung, daß er die 
Hauptperson in diesem forensischen Drama bildete. Nicht 
weit von ihm stand seine angebliche Mutter, die jetzt verehe- 
lichte böhmische Bahnwärtersfrau Cäcilie Meyer, geborene 
Pracza, eine ärmlich gekleidete, aber noch immer hübsche 
Frau mit ihrem kleinen unehelichen Sohn Felix, der ein 
Jahr früher als der kleine Graf in einer armseligen Dachkam- 
mer in einer Vorstadt Krakaus das Licht der Welt erblickt 
hat. Aber auch der angebliche Vater der beiden Knaben, 
Ritter v. Ziegler, Hauptmänn im 20. österreichischen Infan- 
terieregiment aus Krakau, ein mittelgroßer, schneidiger, hüb- 
scher Mann von damals etwa 35 Jahren, war erschienen.
	        
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