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3. Kapitel. Die Wohnungsversorgung vor dem Kriege

Full text: Wohnungsversorgung und Bauordnung / Haberland, Georg (Public Domain)

Berlin hatte im Jahre 1871 820 000 Einwohner, 
die gesamten Vororte, welche für den Begriff 
Groß-Berlin in Frage kamen, 50 000 Einwohner. 
Die Einwohnerzahl Groß-Berlins im Gebiete des früheren Zweck— 
verbandes betrug vor dem Kriege im Jahre 1914 etwa 4 Millionen. 
Die gesamte bauliche Entwicklung für das stetig wachsende Woh— 
nungsbedürfnis war in diesem Zeitraume mit Ausnahme der nicht 
nennenswert in Betracht kommenden Wirksamkeit der Baugenossen⸗ 
schaften das Werk des Privatkapitals. 
Die private Erschließungstätigkeit hat sich naturgemäß den Ge⸗— 
setzen und Bedingungen anpassen müssen, welche für ihre Betäti— 
gung gegeben waren, d. h. den Bauordnungen, die sich für die ein— 
zelnen Bezirke in Kraft befanden. Man ist vielfach der Meinung, 
daß diese Bauordnungen erhebliche Mißstände im Gefolge gehabt 
haben; die gewerbliche Erschließungstätigkeit dafür verantwortlich 
zu machen, ist eine völlige Verkennung der Tatsachen. Nicht der 
Gewerbebetrieb hat seinerseits die Bauordnung geschaffen, er hat 
vielmehr seine Wirksamkeit den bestehenden Bauordnungen an— 
gepaßt. 
Man hält nun den jetzigen Zeitpunkt für geeignet, eine grund— 
legende Aenderung der Bebauung vorzunehmen und plant den Er— 
laß einer neuen Bauordnung, der nach zwei Richtungen hin durch— 
greifenden Wandel schaffen will. Einmal will man die Aus⸗— 
nutzung der Grundstücke beschränken und die Erbauung von Hinter⸗ 
wohnungen überhaupt praktisch unmöglich machen, ein anderes Mal 
soll die Anzahl der zulässigen Stockwerke im weitaus größten Teil 
Groß⸗Berlins wesentlich vermindert werden. Man nimmt hierbei 
keinerlei Rücksicht darauf, ob die Gelände von der gewerblichen 
Erschließungstätigkeit erworben und bereits erschlossen worden sind 
oder darauf, ob bestehende Rechtsverhältnisse zwischen diesen Gesell⸗ 
schaften und den Gemeinden in bezug auf die Erschließung bereits 
bestehen. Man geht von dem Grundgedanken aus, daß Krieg und 
Inflationszeit viele Vermögenswerte vernichtet hat; man glaubt, 
daß eine Aenderung der Ausnutzung der Grundstücke ihren Wert 
wesentlich vermindert, man meint indessen, daß diese Wertminde⸗ 
rung eben um deswillen tragbar sei, weil andere Kreise auch den
	        
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