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II. Teil: Der Zirkus VI. Kapitel: Die Kunstzertrümmerung

Full text: Zirkus Reinhardt / Baumgarten, Franz Ferdinand (Public Domain)

Aktivistische Gesinnung besagt nichts für den Menschen und 
vieles gegen seine Kunst. Handwerker-Gesinnung zeugt auch für 
den Menschen. Gute Schuster und gute Dichter sind sicher auch 
ethische Menschen. Politische Dichter und politische Schuster 
sind meistens selbst so minderwertig wie ihre Arbeit. Nichts 
widerlegt so sehr den Aktivismus wie die Minderwertigkeit seiner 
Künstler. Der Aktivismus wurde sogar Heinrich Mann zum Ver- 
hängnis. Im Deutschland von heute hat wohl niemand so um 
das Werk gelitten wie Stefan George und Heinrich Mann. Seiner 
Selbstaufopferung schuf er immer neue, immer tiefere Gleichnisse. 
Die Branzilla, die Garlinda, die Ute, und wie sie alle heißen 
mögen, verkörpern den Künstlerkampf und die Künstlertragik 
Heinrich Manns. Sie sind herausgefordert durch die Leistung. 
Sie verraten das Leben an die Form. Sie reifen in der intimen 
Qual der Technik, „Sie halten ihr Herz fest und sind stolz auf 
die Härte ihres Lebens.“ Wenn einer, so hat Heinrich Mann sich 
den Künstlerstolz verdient. Er hat Bände aufeinander getürmt, 
und in allen war die eine Stimme, die rief: Leben ist Verrat an 
der Kunst. Und dann ging er hin und verriet seine Kunst an den 
Aktivismus. Oder. war es anders? Würde er Aktivist, als 
seine künstlerische Aktivität sich abschwächte? Als dieser größte 
Essayist deutscher Zunge in seinen Romanen aktivistischer 
Essayist wurde, versagte sich ihm seine große Kunst. Je 
schwächer seine Romane, desto aktivistischer ihre Meinung. 
Moralistische Kunst macht niemanden ethisch. Die große 
Kunst ist ethisch, denn sie veredelt. Stets versuchen Erziehungs- 
bedürftige, andere zu erziehen mit Moralpredigten. So tun auch 
die Aktivisten. Mit Spiel und Beispiel, wie die Mutter, erzieht 
die echte Kunst. Die Mutter baut die Seele ihres Kindes zu einem 
Instrument, das schön erklingt, was immer darüber gleitet. Die 
Kunst baut sich im Menschen ein Instrument. Keine Lehre 
braucht sie ihm mitzuügeben. Der Erschütterte wird die Weise 
tönen, die sie auf ihm gespielt. Moral wird so leicht vergessen, 
wie leicht gepredigt. Die Gestalt eines Dichters wirkt in un- 
serem Blut. „Geist, der wir sind, der macht sie unver- 
KH Die Gestalt des Dichters zeugt Menschen nach ihrem 
110e. 
Hat nicht Cordelia und Brutus, Hamlet und Othello Viele in 
Schicksalswilligkeit gestärkt mit der Shakespeare-Lehre, der 
Untergang des Vornehmen sei das Gesetz der Welt? 
Kann eine Seele unedel sein, auf der Flaubert sein Lied ge- 
spielt von Frederics und Madame Arnoux’ Liebe! 
Hat Iphigenie und Dorothea und Ottilie nicht die Welt besser 
gemacht? Sie sind da. Sie schweigen. Und sie verleiben sich, 
Viele verlorene Söhne gibt es unter uns, die weggegangen 
sind, um niemandem Sohn zu sein. Auf langer Wanderung, die 
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