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II. Teil: Der Zirkus VI. Kapitel: Die Kunstzertrümmerung

Full text: Zirkus Reinhardt / Baumgarten, Franz Ferdinand (Public Domain)

fallsüchtig-selbstquälerischer Bekenner und zugleich ein undurch- 
dringlicher Lügner. Strindberg ist der Mystagog mit Verfol- 
gungswahnsinn. Seine Kunst ist die Rache der gekränkten 
Triebe und der negativen Eindrücke. 
Il. 
Die moralistische Absicht, die unkünstlerische 
Meinung eines Werkes, kann Ueberzeugung oder Berechnung 
sein. So gab es neben den Kriegsfanatikern viele Kriegsgewinn- 
ler. So hat sich an die aufopfernden Revolutionspropheten eine 
Lawine von Revolutionsjobbern angesefzt. Die moralistische 
Ueberzeugung eines Werkes kann ihrerseits wieder vernünftig 
oder schädlich sein. Die Kriegs-Moralisten waren ein Unglück, 
und die aktivistische Polemik der Revolutionsmoralisten gegen 
die Kriegsgewinnler war wohltuend. Die ethisch und verstandes- 
gemäß so ungleichwertige, künstlerisch aber entwertende Absicht 
trennt alle diese Versuche von der echten Kunst. 
Amelioristische Eudämonisten und theoretische Optimisten 
haben für ihre Kunstpolitik und für ihre politische Theorie den 
Namen Aktivismus geprägt. Man verkennt nicht den Mut, 
die Motive und die Verdienste mancher Aktivisten, wenn man 
die Verderblichkeit ihrer Kunst- und ihrer Kulturpolitik bekämpft 
und die vergrabenen Wurzeln ihrer Aktivität erschaut. 
Auch der Aktivismus ist Leistungs-Flucht. Sogar ein doppel- 
gesichtiger Fluchtversuch. Er verlegt den Kampfplatz nach 
außen. Vor der Leistung des Geistes, vor dem lautlos nach innen 
gewendeten Kampf um das Werk flüchtet man zur lauten und 
hämischen Polemik gegen Werke, und vor der Leistung der sitt- 
lichen Idee, vor der aufopfernden, Utopie-verzichtenden, anonymen 
und unbelohnten Tat flüchtet man zur literarischen Tat-Verherr- 
lichung. Die kleinste Tat ist aktivistischer als der ganze Aktivis- 
mus. Wer nur die Tränen eines Kindes getrocknet, leistet mehr 
als alle aktivistischen Feuilletons. Die entschlossene Menschen- 
liebe der Aktivisten zischt von Haß und bespritzt mit Geifer. 
Selbst die kleinen und doch so kostbaren Cadeaux der zufälligen 
Begegnungen, seibst die unscheinbarste Courtoisie der generösen 
Instinkte taugen mehr zur Verbesserung der Welt als alle die 
Wechsel auf die Zukunft der aktivistischen Weltverbesserer. Die 
den Aktivisten selbst verborgene Wurzel ihrer politischen Attitüde 
ist das Ressentiment der tatenlosen Beweglichkeit und des un- 
künstlerischen Temperamentes. 
Die künstlerische Gesinnung, nicht die politische Absicht be- 
stimmt den Rang eines Werkes. Die Gesinnung, die den Künst- 
ler groß gemacht, ist die asketische Gesinnung des Werkers, der 
sich dem Werk omnfert.
	        
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