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I. Teil: Das Theater II. Kapitel: Das Drama

Full text: Zirkus Reinhardt / Baumgarten, Franz Ferdinand (Public Domain)

auch nichts den Schauspieler veranlassen könnte, den Bühnen- 
rand zu überschreiten und die Orchestra zu betreten. Da den 
antiken Schauspieler der Kothurn am Gehen hindert, mußte er 
sich auf einen kleinen Raum also auf den Bühnenraum be- 
schränken, aus dessen Hinterwand er ja hervortritt. Noch nie- 
mand hat sich zu dem Unsinn verstiegen, der hellenische Schau- 
spieler hätte zur Bühne den Weg quer durch die ganze Orchestra 
genommen, wie in Reinhardts Großem Schauspielhaus. Dieser 
Gipfelpunkt der Kunstbarbarei ist Originalpatent Reinhardt. . 
Die Orchestra soll der. Aufenthaltsort nur des Chores ge- 
wesen sein und auch nur während des Vortrages der rein Ilyri- 
schen Gesänge. Manche Bedenken optischer Natur sprechen 
allerdings auch noch gegen diese Annahme. Aber selbst die 
orchestra-freundliche Auffassung der Archäologen versetzt den 
Chor in unmittelbare Nähe der Bühne für den dramatischen Teil, 
wo der Chor mit den Schauspielern Wechselrede führt. Das be- 
deutet also, daß der dramatische Teil sich dem Zuschauer als 
ein geschlossenes Bühnenbild darstellt und gegenüberstellt. 
So lehren die Archäologen. Es wäre aber auch dann so, 
wenn alle Archäologen und alle Philologen der Welt das Gegen- 
teil behaupteten. Ein ideelles Ereignis wie die hellenische Tra- 
gödie kann nur in einem ideellen Raum gespielt‘ werden. Die 
[dealität, ja die Abstraktheit des Raumes und der Zeit in der grie- 
chischen Tragödie fordert den abgesonderten Bühnenraum, In- 
stinktlose Barbaren können das Kunstwerk der attischen Tragö- 
die, das in ihre Hände fiel, wohl zertrümmern; erschaffen aber 
konnte es nur einer mit Form-Sinn. In dem Gehirn, das des Ge- 
dankens fähig, man könne ein Drama in einem empirischen Raum 
spielen, entsteht eben kein Drama. Die Trennung zwischen em- 
pirischem und ideellem Raum, zwischen Bühne und Theater ist 
älter als das Drama. Erst nachdem sich diese Trennung in der 
Raumvorstellung eines Dichters und einer Zeit vollzogen hat, 
entsteht das Drama. Diese Trennung ist ein Postulat des Dra- 
mas, wenn sie plastisch und technisch auch noch nicht materiali- 
siert ist. Theater werden überhaupt erst gebaut, wenn diese 
Trennung geschehen ist. Welche Mittel dann angewendet wer- 
den, um die Perspektive, die das Drama postuliert, den Zu- 
schauern aufzuzwingen, ist nur mehr die Frage der Realisierung. 
Im Anfang mag die Perspektive einfach durch die Gruppierung 
der Zuschauer in dem freien Raum erreicht werden, dann mag 
sich der dramatische Vorgang durch ganz primitive Schranken 
vor der Empirie geschützt haben, bis dann ein geschlossener 
Raum die geschlossene Handlung umrahmte. Das geschah, wenn 
nicht früher, so doch spätestens bei der Erstaufführung der 
„Orestie“ in Athen.
	        
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