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I. Teil: Das Theater I. Kapitel: Das Volkstheater

Full text: Zirkus Reinhardt / Baumgarten, Franz Ferdinand (Public Domain)

Repräsentativ ist stets die Volksklasse der bewegtesten und be- 
wegenden Kräfte, die als lebendige Mitte sich alle anderen Kräfte 
anbildet. So kann das Arbeiter-Theater das repräsentative Theater 
der Zeit werden. So kann der Arbeiter die bestehenden Staats- 
theater sich anbilden. Die Frage lautet: gibt es ein Volkstheater 
in der Zeit, deren repräsentatives Theater nur ein Arbeiter- 
Theater sein kann? Kann es ein Drama geben in einer Zeit, in 
der der Arbeiter herrscht? Schicksalswilligkeit hat Würde nur 
dann, wenn zur Notwendigkeit auch Not und Verzicht erschaut 
und hingenommen werden. 
Der Zusammenhang zwischen großen Dramen einerseits, 
streng gestufter Gesellschaft, dogmatisch-idealistischer Welt-An- 
schauung und Völker durchwühlenden Kriegen andererseits ist 
unleugbar eine historische Tatsache. Einwenden könnte man 
höchstens, es sei oberflächlich, diesen Zusammenhang zu einer 
Bedingtheit zu vertiefen. Und doch sind Dramen-Form, Erleb- 
nis-Art,, Zeit-Geschichte, Gesellschaft-Struktur und Welt-An- 
schauung mehr als Analogien. Sie sind Erscheinungen und Funk- 
tionen eines Glutkernes, den wir nur an seinem Abglanz in Re- 
ligion, Kunst und Staat besitzen. Der Glaube an einen festen 
Charakter, an eine unentrinnbare Notwendigkeit, ohne die es 
keine Tragödie gibt, ist auch der Glaube, der die Dogmen und 
die ethischen Sanktionen, die Staatsform und KGesellschafts- 
Hierarchie trägt. Das naturwissenschaftsgläubige 19. Jahrhundert 
hat die Dogmen auf das Niveau der historischen Wahrheit her- 
abgestellt, die Ethik zur Gesellschafts-Convention ernüchtert, den 
Staat als Klasseninteresse entlarvt, die Materie zu Bewegungen 
verflüchtigt, den Gegenstand in der Kunst zu Eindrücken zer- 
stäubt. Das 19. Jahrhundert hat der Tragödie die Wurzeln ab- 
gegraben. Es hat den Charakter psychologisch zersetzt; den 
Willen zum Trieb und sogar zur Triebverdıängung entkrönt, die 
Notwendigkeit zur materiellen, also relativen Not erleichtert. So 
würde die heroische Schicksals- und Charaktertragödie abgelöst 
von dem epischen Mitleids-Drama Gerhart Hauptmanns, der 
szenischen Ballade der Schicksals-Marionetten Maeterlincks, den 
zur Sexual-Monomanie abbröckelnden negativen Erlebnissen der 
kranken und gekränkten Triebe in den dramatisierten Bilder- 
reihen Strindbergs, Wedekinds, Oscar Wildes und Hofmannsthals. 
HL 
Kann unsere Zeit das gesunkene Drama-Niveau der abfallen- 
den Bürgerzeit aufgipfeln zum großen Drama? 
Darf man die Antwort dem Sinn.und, der Geschichte ‚der 
Tragödie abpressen, so wird man sagen müssen: die Tragödie 
versagt sich unserem materialistischen Optimismus, dieser ihr
	        
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