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I. Teil: Das Theater I. Kapitel: Das Volkstheater

Full text: Zirkus Reinhardt / Baumgarten, Franz Ferdinand (Public Domain)

30 schreibt man aktivistische oder expressionistische Artikel. 
Früher ging man in ein Sanatorium. 
Da die Theater-Aktivisten Geist haben, erschauen sie auch 
nichts von den Schwierigkeiten des Ringtheaters, durch das sie 
das Rangtheater ersetzen möchten. Kann man einen gedeckten 
Raum aus Ringen tektonisch aufbauen?  Erträgt ein modernes 
Auge einen unzäsurierten Raum? Ist die Alternative zu um- 
gehen: wenige Menschen fassend oder unakustisch? Darüber 
schweigt der Geist. Es ist das alte, aber immer neue Kur- 
pfuschermittel, das Gegenteil des Alten als neu auszugeben und 
aus einem Mangel eine Position zu machen 
Die Versuche mit den Ringtheatern haben die Zweifel nicht 
beseitigt, mit ihren Fehlern nur bewiesen, daß die Künstler, die 
sich am Ringtheater versuchten, sich meistens nicht einmal be- 
wußt waren, wo die Schwierigkeiten liegen. 
Eine Ring-Tektonik ist nur in ungedecktem Raum möglich. 
Eine Decke muß ja zumindest von einem Gesims und da dies 
mager wirkte, doch schon von Hallen getragen werden. Die 
Decke, das Erfordernis des europäischen Klimas, ist der Todfeind 
des Ringtheaters. Einen Raum, der gleich dem antiken Theater 
in Ringen viele Menschen faßte, konnte man vor Erfindung der 
Eisenkonstruktion garnicht überdecken, Auch heute noch ist die 
Decke eines so großen Raumes häßlich und klangvernichtend. 
So waren die Theaterbauer früher und sind wohl auch noch heute 
vor die Wahl gestellt: entweder ein exklusives Ringtheater oder 
ain Massentheater mit Rängen. 
Die modernen Ringtheater, zum Beispiel das Fest- 
spielhaus in Bayreuth, das Prinzregenten- und das Künstler- 
theater in München, sind. reinste Beispiele des exklusiven Sta- 
gione-Theaters. Außerdem sind sie häßlich, allein schon infolge 
der tektonischen Inkonsequenz, die die Ueberdachung erzwang. 
Die architektonische Häßlichkeit und die Klangvernichtung des 
Reinhardt-Zirkus allerdings sind keine Argumente gegen das 
Ringtheater. Nicht jeder Theaterbau muß ja unbedingt von Vater 
Zirkus und Großmutter Markthalle abstammen wie dieser 
Wechselbalg. 
IL. 
Die einzige große Schwierigkeit des Volkstheaters ist, daß es 
heute kein das ganze Volk bewegendes Drama gibt noch geben 
kann. Solche Schwierigkeiten, die im Wesen einer Sache oder in 
der Zeit liegen, erkennen die intellektuellen Revolutions-Gewinnler 
nicht... Das gehört zu ihrem Metier. 
Auf der Bühne des Volkstheaters zeigt die Zeit ihr Gesicht, 
und das Innerste des Volkes handelt. Nicht der neue Theaterbau 
und nicht die Bühnen-Reformierung, nicht die soziale Umschich-
	        
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