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Full text: 220 Berliner Bilder / Zille, Heinrich (Public Domain)

Vorwort 3ur 11. Auflage. 
Mein lieber Meister Zille! 
Also 60 000 „Straßenkinder“? — Wissen Sie, das ist selbst für 'ne Stadt 
wie Berlin 'ne ganze Menge! And ich zweifle keinen Augenblick daran: Ihr schönes 
und einzigartiges Buch wird auch noch die 100 000 erreichen! 
Aber das Buch, die „Kinder der Straße“ selber! Wie es entstanden 
ist? Ich glaube, da machen sich Ihre Leser ein ganz falsches Bild davon. Ich weiß 
es ja, denn wir beide haben sozusagen zusammen angefangen, das Berlin der kleinen 
Leute künstlerisch und literarisch wieder zu entdecken und neu zu erobern. Was nicht 
so leicht war! Zuerst wollte nämlich niemand etwas davon wissen! Man war fest 
überzeugt, mit dem seligen Adolph Glaßbrenner und seinem confrère, Meister 
Hosemann, sei der „echte Berliner“ für alle Zeiten ausgestorben ... Wir beide 
sahen und zeichneten unsere Leute auch ganz anders. Der satirisch-feuilletonistische 
—ADDDDD0— Karikaturisten pflegten, konnte uns nicht mehr 
genügen; wir wollten ja nicht nur den Berliner Witz konservieren und wieder zu 
Ehren bringen, wir wollten mehr: ein Bild des untersten Berlins sollte erstehen, 
aus jener Zeit, die bei allem Aufstieg Deutschlands, der bitteren Not unter den 
Allerärmsten nicht zu steuern wußte. Ich glaube, wir waren doch schon ein bißchen 
Propheten, lieber Zillel — Wir sahen die schwärenden Schäden an dem scheinbar so 
gesunden Volkskörper und haben immer wieder darauf hingewiesen — freilich ohne 
biel Gehör zu finden! ... Heute nach dem großen Krieg, der unser Land nieder⸗ 
geworfen hat, heute sehen es auch die, die es damals noch nicht glauben wollten: 
Das Proletariat ist auf dem Marsche und nichts wird es aufhaltenl ... 
Ob freilich, um bei Emile Zola zu bleiben, mit dem Proletariat und seinen Zielen 
auch die letzte große Weis heit und Wahrheit geschritten kommt, das zu entscheiden, 
ist heute keiner im Stande. .. Wir lauschen indessen, ob in den Kämpfen, in 
denen die Volksseele sich aufbäumt, noch jener Ton hörbar ist, der allein hoffen 
läßt; ob Witz und Humor uns treubleiben? . .. Uns wahrlich! AUnsre Berliner 
reißen immer noch Witze! Vielleicht sind die „Kalauer“ „blutiger“ als früher, 
aber weniger zwerchfellerschütternd sind sie gewiß nicht, als damals, da Adolph 
Glaßbrenner seinen am Brandenburger Tor haltenden Kremserkutscher sagen ließ: 
Mit den da wern Se donich fahren, Ha Iraf! Den sein Pferd hat ja iar keen Vata
	        
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