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Full text: Karussel Berlin / Stratz, Rudolf (Public Domain)

„Tante Spittkol“ 
„Gibt's in unserer Verwandtschaft nicht!“ 
„Aber in meiner Wahlverwandtschaft. Ihr verflossener 
Mann war Berliner Grundstückspekulant... Respekt ....“ 
„Du siehst doch, daß ich ...“ 
„... bei Lebzeiten ein listiger, alter Knabel Hat ihr, 
bei den miesen Zeiten, ein Mordsvermögen hinterlassen!“ 
„Lüttchen — ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht ....“ 
„In dem alten, ehrlichen Zoppot habe ich in seligen 
Maientagen Tante Spittko kennengelernt. Ich saß neben 
ihr. Sie setzte immer auf Rouge ... die gute Frau! Sie 
konnte ja meine Mutter sein ...“ 
Lüttchen schnaubte sich erschüttert in ein drachengesticktes 
Schnupftuch aus hauchdünner, goldfarbener, chinesischer 
Seide. 
„Und sie war es auch. Ich erinnerte sie so an ihren ver⸗— 
storbenen Sohn — sagte sie. Der wäre auch solch ein 
Taugenichts gewesen ..“ 
„Verschone mich .. 
„In der Schummerstunde saß sie immer und hielt meine 
Hand in ihrer und weinte sanft vor sich hin ... Es war 
ja auf die Dauer öde ... Aber ich duldete still, wenn sie 
mir ihr Herz und ihr Scheckbuch öffnete.“ 
„Davon hast du dein Geld?“ 
„Gehabt!“ sprach Lüttchen düster. „Tante Spittko ist tot! 
Und ihre Erben sind schnöde Banausen. Sie haben keinen 
Sinn für mich als wertvollsten Nachlaß der Verblichenen. 
Sie wollen ihr Geld für sich behalten! Kannst du das be— 
greifen?“ 
„Lüttchen — ich kann dich jetzt nicht anhören!“ 
„Es braucht mich auch nur dein Mann anzuhören! Geb⸗ 
hard der Reiche! Wozu war ich vorsichtig in der Wahl 
meines Schwagers? Ich will ihm großmütig das glänzende 
Geschäft zuwenden, mich neu zu finanzieren!“ 
„Gebhard ist unpäßlich! Der Arzt ist bei ihm! Ich gebe 
dir Nachricht, wann du ihn sprechen kannst! Aber jetzt 
lasse mich um Himmels willen in Ruhel!“ 
— 
19 Karussell Berlin 
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