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Full text: Karussel Berlin / Stratz, Rudolf (Public Domain)

dunkelste Berlin, in seinen versprengten, schwarzen Oasen 
zwischen dem Scheunenviertel und dem Schlesischen Tor. 
Unheimlich, wie ein Filmgebilde, mit Ketten abgesperrt, 
die Wolfsschlucht des Krögel. Gleich dabei, schwarz, weit, 
lichtzitternd die Spree. Da, zum Fluß hinab, rechts die 
nachtverschwommene, einsame Ruinenwelt abgerissener Ba— 
racken, links windüberpfiffen, menschenleer die Schlünzig⸗ 
straße. An der einen schiefen Hauswand eine Reihe rot 
erhellter, ebenerdiger Fenstervorhänge unter der verwitter⸗ 
ten Tafel Krügers Restaurant'. 
Rauchblaue Glühluft, in die die Fränze eintrat. Geruch 
von Bier, ungewaschener Menschenhaut, Bratkartoffeln. 
Ich möcht' einmal wieder in Grinzing sein! flennte mit 
Wiener Schmalz die Schallplatte. Wehmütige Weiberstim— 
men sangen, im Geschunkel, mit. Ihre Freunde, die Hüte 
auf dem Kopf, schauten zu. Die Fränze stand und starrte 
ratlos die Stammgäste ihres Stiefvaters an, verzweifelt, 
verängstigt, wie ein von den Hunden gestelltes Stück Wild: 
Den übernächtigen, eleganten Blaumüller. Den behäbigen 
Butterkopf. Den schwindsüchtigen Amtmann. Goldhäschen, 
den gelöckelten Riesen in Damenwäsche. Den Halbtoten. 
Den Länglich. Den Blitz-Ede. Den Feldprediger. Die ganze 
Kolonne. 
Und dann saß drüben allein am Tisch einer — ein 
frischer, sportzäher, junger Mann, rotblond, blauäugig, 
bartlos das forsche, kluge Gesicht. Der sprang bei ihrem 
Anblick empor und trat mit unwillig gekrauster Stirne 
auf sie zu. 
„Ja aber — Fränze! Vorhin hört' ich, Sie sitzen wieder, 
als wäre nichts geschehen, mit der ganzen, Schwefelbande 
zusammen, und bin hierher, um mich selber zu überzeugen! 
Dazu hab' ich Sie doch weiß Gott nicht in das Haus meiner 
Eltern gebracht!“ 
„Ich hol' doch bloß meine Sachen, Herr Doktor! Die 
gnädige Frau hat's doch erlaubt!“ 
„Warum trödeln Sie denn dann hier seit Stunden 
herum?“ 
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