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V.

Full text: Das Fräulein vom Spittelmarkt / Sommerfeld, Adolf (Public Domain)

V. 
Die Berliner Stenotypistin hatte sich trotz der 
kurzen Zeit in dem schönen Frankfurt sehr gut eingelebt. 
Die Stellung gefiel ihr, und da auch das liebe Mamachen 
von ihrem Landaufenthalt entzückte Briefe schrieb, wäre 
ihr Glück vielleicht vollendet gewesen, wenn nicht eine 
merkwürdige Sehnsucht nach Wolfram sie dauernd 
gepeinigt hätte. Sie gab sich die erdenklichste Mühe, 
die Erinnerung an ihn wenigstens zeitweise auszu— 
schalten, aber auch dies war ihr unmöglich. Der Ge⸗ 
danke, er könnte sie vielleicht vergessen haben, weil 
er sich nicht einmal bemüht habe, ihre Adresse zu er⸗ 
mitteln und ihr zu schreiben, verstärkte ihre Unruhe 
nur noch mehr. 
Und eines Nachmittags war ihre ganze Herzens— 
not wie durch ein Zauberwort zu Ende. 
Als Inge nach Geschäftsschluß eiligst die Zeil hin⸗ 
unterging, war ihr Wolfram, der den Eingang zum 
Geschäftshause beobachtet hatte, wie durch Zufall be— 
gegnet. Sie war so freudig überrascht, daß sie keines 
Wortes fähig war, aber in ihr jubelte es, als ob 
sie alle Seligkeit der Welt empfunden hätte. 
Dem jungen Manne mochte es ähnlich ergangen 
sein, aber beide zeigten doch soviel Selbstzucht, daß
	        
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