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I.

Full text: Das Fräulein vom Spittelmarkt / Sommerfeld, Adolf (Public Domain)

16 — 
Während das Frühstück verzehrt wurde, nahm Frau 
Berger die Unterhaltung wieder auf. Sie schien etwas 
bedrückt, als sie im vorwurfsvollen Tone sagte: 
„Etwas mehr Pietät deinem seligen Papa gegen⸗ 
über hätte ich von dir doch erwartet, mein Kind. Die 
Vorstellungen, die ihr jungen Mädchen euch von der 
Ehe macht, sind ganz falsch. Die Hauptsache ist, daß 
ein junger Mann keine Laster hat und in der Ehe für 
seine Familie sorgt. Das, was ihr Liebe nennt, kommt 
dann von selbst. Man tut seinem Mann, was man 
ihm an den Augen absehen kann, hält die Wirtschaft 
in Ordnung, ist puünktlich und sauber, und da 
kann es nicht ausbleiben, daß der Mann seine Frau 
lieb gewinnt und umgekehrt, vorausgesetzt, daß der 
Mann nicht in schlechte Gesellschaft gerät. Und dafür 
muß die Frau eben sorgen, dem Mann das Haus be⸗ 
haglich zu machen und ihn an sich zu fesseln. Der 
selige Papa und ich, wir haben, als wir uns verlobten, 
nicht viel nachgegrübelt. Damals hieß es, die Eltern 
sind einverstanden, der junge Mann hat eine feste Stel⸗ 
lung, er ist ansehnlich und solide, und da wurde ge⸗ 
heiratet ohne viel Federlesen zu machen. Und daß es 
so gut war, beweist ja unsere Ehe. Nimm dir deine 
Mutter zum Beispiel und sei zufrieden, daß ein netter 
junger Mann dich zum Weibe begehrt. Der Fritz 
wird dich auf Händen tragen. Und wenn du das 
Wort deines Vaters brichst, das er dem Fritz Anuschat 
gegeben hat, versündigst du dich schwer und bereitest 
deinem seligen Papa noch Kummer in der Erde. Das 
hat er um dich nicht verdient!“
	        
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