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IX.

Full text: Das Fräulein vom Spittelmarkt / Sommerfeld, Adolf (Public Domain)

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Inge wurde jetzt ganz munter. Sie glaubte zwar 
noch immer zu träumen, als ihr Wolframs Worte ins 
Ohr drangen, aber allmählich begriff sie, daß ihr Ver⸗ 
lobter sie scherzhaft überraschen und ihr eine Freude 
bereiten wollte. Deshalb durfte sie ihm auch kaum 
grollen. Die Gedanken, die ihr jetzt durch den Kopf 
gingen, als sie sinnend in die Ferne blickte, waren ganz 
anderer Art. Noch nie hatte sie das Elternhaus ver— 
lassen, noch nie eine Nacht in einem Hoten verbracht. 
Und noch dazu allein in einem Zimmer. Und keine 
Wäsche zum Wechseln nach der staubigen Fahrt, keinen 
Kamm, keine Bürste, nicht einmal ein Stückchen Seife. 
Und nun erst das Frisieren am Morgen, das sie bei 
ihren langen Haaren allein nicht zustande brachte. — 
Und schließlich, was würde die Mutter dazu sagen, wenn 
sie eine Nacht aus dem Hause bliebe, mit ihrem Ver⸗ 
lobten unter einem Dach? 
Sie schämte sich, und eine Blutwelle schoß ihr ins 
Gesicht. Aber niemand sah es, denn es war ganz 
dunkel geworden. Und Wolfram, der sie mit Span⸗ 
nung beobachtete, dachte auch nicht im geringsten daran, 
daß die Gedanken, die sie gerade bewegten, ihr die 
Schamröte ins Gesicht trieben. Vielmehr nahm er 
an, daß ihr nachdenkliches Verhalten eine Folge seines 
angeblichen Einfalls sei und sie sich gekränkt fühle. 
„Du sagst ja gar nichts, mein Liebling“, begann 
er wieder in fröhlichem Ton, „nicht ein Wort der 
Freude kommt über deine Lippen!“ 
„Ach, Liebster“, seufzte sie, „dein lustiger Einfall 
kommt mir wirklich zu überrascht, als daß ich mich
	        
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