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VIII.

Full text: Das Fräulein vom Spittelmarkt / Sommerfeld, Adolf (Public Domain)

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Sonst aber bewirkte der Umgang mit den Geistes⸗ 
kranken eher eine Stärkung seines Selbstbewußtseins 
und seiner Eigenliebe, als eine Aenderung seiner Cha⸗ 
raktereigenschaften. 
In der Abteilung der Harmlosen untergebracht, 
lernte er hier vorwiegend solche Kranken kennen, die 
mit irgendeiner fixen Idee behaftet waren. Der eine 
glaubte an einen elektrischen Strom in seinem Leibe, 
der andere behauptete, einen Nagel in der Kehle zu 
haben, ein Dritter prahlte mit seinen Erfindungen, 
der vierte hoffte auf eine große Erbschaft, die ihm aus 
Amerika zufallen mußte, und so weiter mehr. 
Jeder Kranke trug seine Idee mit sich herum, 
verschlossen und schweigsam. Er unterhielt sich wie 
ein gesunder Mensch über Alltagsdinge, oft mit be— 
sonderem Scharfsinn. Nur bei irgendeiner Gelegenheit, 
wenn der Gesprächsstoff zufällig das Gebiet seiner 
fixen Idee streifte, dann kam der Irrsinn zum Durch— 
bruch, und der Kranke gab seine krausen Gedanken mit 
einer solchen Selbstverständlichkeit und inneren Ueber— 
zeugung wieder, daß ein Laie nur bei längerem Um— 
gang mit solchen bedauernswerten Menschen das Leiden 
erkannte. 
Dem Anuschat mit seiner geringen Allgemeinbildung 
fiel an seinen Zimmergenossen, die durchweg seinem 
Stande angehörten, natürlich nichts Krankhaftes auf. 
Er hielt die Leute sogar zum Teil für besonders be— 
gabte Männer, deren sich die sogenannte menschliche 
Gesellschaft aus Gründen der eigenen Minderwertig— 
keit entledigen wollte. Und da er seine Ansicht nicht 
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