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I.

Full text: Das Fräulein vom Spittelmarkt / Sommerfeld, Adolf (Public Domain)

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zum Beginn des Tagewerks. Frau Berger blinzelte 
mit den Augen und kugelte sich, mehr träumend als 
wach, aus dem molligen weichen Federpfuhl, um nach 
dieser ersten Anstrengung auf dem Bettrand sich ein 
wenig zu erholen und den Schlaf aus den Augen zu 
reiben. Dann ging sie mit unsicheren Schritten zu 
einem Tisch an der jenseitigen Wand in der Mitte des 
Zimmers und zündete eine Petroleumlampe an, deren 
plumper gußeiserner Fuß einer fernen Zeit entstammte. 
Das gelbliche Lampenlicht vermischte sich mit dem 
trüben Grau der winterlichen Dämmerung und schuf 
jene Morgenstimmung, die ein unbehagliches Frösteln 
verursacht. 
Frau Berger schüttelte sich und griff, leise mit den 
Zähnen klappernd, nach ihren Kleidungsstücken, die 
sauber geordnet auf einem Stuhle vor ihrem Bette 
lagen. 
In dem schmalen Raume, durch dessen Fenster 
man den Hof einer Mietskaserne und im Hintergrund 
die Gasanstalt und hohe schlanke Fabrikschornsteine er⸗ 
blickte, stand noch ein ganz gleichmäßiges zweites Bett 
an der selben Wand. Und in der Mitte hing das Bild 
des verstorbenen Gatten, eines Mannes mit buschigem 
Schnurrbart und gutmütigem Gesichtsausdruck, der 
aber im Augenblick der photographischen Aufnahme 
eine strenge Miene aufzusetzen für nötig hielt. Diese 
absichtliche Härte und Schneidigkeit, die durch die 
unkünstlerische Kreidezeichnung nach dem Lichtbild noch 
besonders hervorgehoben erschien, verlieh dem alten 
Herrn ein etwas groteskes Aussehen. Der vergoldete
	        
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