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VI.

Full text: Das Fräulein vom Spittelmarkt / Sommerfeld, Adolf (Public Domain)

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Dem Anuschat fiel es auf, daß Inge ihn musterte, 
und er sagte daher etwas gekränkt: „So fein wie du, 
Inge, bin ich allerdings nicht angezogen, du brauchst 
dich aber meiner nicht zu schämen. Du lebst ja auch 
nur von der Arbeit!“ 
Das Mädchen antwortete nichts. 
Als beide in der Droschke saßen, machte Inge eine 
Bewegung, die andeutete, ihr Begleiter möchte gegen⸗ 
über Platz nehmen. 
Anuschat folgte zwar der Aufforderung, aber seine 
Stirn legte sich in Falten, und mürrisch begann er: 
„Du, höre mal, ich verstehe überhaupt nicht, wie du 
mich behandelst, denn du weißt ja, daß ...!“ 
Inge ließ ihn nicht ausreden, schaute interessiert 
auf die Straße hinaus und sagte spitz und kalt: „Sie“ 
bitte, nicht „du“!“ 
Das Gesicht des jungen Mannes verfinsterte sich 
noch mehr. Diese harte Zurechtweisung empfand er 
wie einen Peitschenhieb. Aber er nahm sich zusammen, 
um nicht aufzubrausen, wie das sonst seine Art war. 
Etwas gedehnt und jedes Wort reiflich abwägend, 
unter möglichster Vermeidung des „du“ und des „Sie“, 
erwiderte er: „Es wird doch nun endlich Zeit, daß wir 
uns einmal aussprechen, das Versteckspiel hat doch 
keinen Zweck. Der selige Papa hat uns verlobt, es 
war sein letzter Wille, den ich heilig halte, und den 
wir beide heilig halten müssen. Der Tote verlangt sein 
Recht, aber der Lebende auch, und der Lebende bin 
ich. Wir sind verlobt, damit wir uns heiraten, also 
folglich müssen wir uns verständigen, wann die Hoch—
	        
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