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VIII.

Full text: Die geborene Tugendreich / Salomonski, Martin (Public Domain)

mit mir gesprochen, und das kränkt mich!“ — Dabei 
weinte sie natürlich. 
Regina atmete auf: „Du Närrchen, und darüber 
vergießt du eine Träne! Laß doch die reichen Leute 
und ihre falsche Feinheit! Ganz gut, daß du ihn gleich 
durchschaut hast. Ich wünsche dir was Besseres, er ist 
ebenso schlecht, wie alle Männer!“ 
„Nein, Muttelchen, das stimmt nicht. War mein 
Vater schlecht?“ 
Es war gut, daß die geborene Tugendreich nicht zu 
antworten brauchte, denn Minni verteidigte lebhaft: 
„Schlecht ist er, glaub' ich nicht; das kann ich mir nicht 
denken. Vielleicht war es doch was anderes. Ich hab 
mich auch vor ihm versteckt und immer aufs Pult 
gesehen.“ 
„Du bist noch viel zu jung, um dir Sorgen zu 
machen. Du bist nervös; wenn ich nur wüßte wohin, 
möcht' ich dich schon schicken!“ — 
Als man wieder in die Wohnung kam, hantierte 
die alte Witt noch munter am Tisch und schabte Mohr— 
rüben. Regina lag das Diplomatische nicht, also erzählte 
sie kurz und wahr, was Minni, die sofort ins Bett ver— 
schwand, drücke und verdrießlich gemacht habe. Sofort 
wußte die Alte Rat: „Jeh mal bei euern Judenpastor, 
die lassen sich nie im Stich, un wird schon allerhand 
wissen!“ 
Es ergaben sich auch wirklich keine Schwierigkeiten, 
und Rabbiner Krausnicker besorgte Minni gern und mühe— 
los einen Freiplatz im Kolberger Kurhospital. Die Familie 
Witt war beglückt und Minni selig: „Zum ersten Mal 
verreisen und gleich ans Meer!“ — Die Alte allerdings 
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