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IV.

Full text: Die geborene Tugendreich / Salomonski, Martin (Public Domain)

stummer Klagen und lähmenden Verlassenseins, und noch 
der Morgen fand sie so, halb erstarrt und fassungslos. 
Die Sorge um die Bestattung und die erforderlichen 
Wege und Erledigungen mahnten jetzt zur Tat, und 
damit drohten ernste Zwistigkeiten zwischen der Schwieger⸗ 
mutter und Regina, die aber noch im letzten Augenblick 
vermieden wurden. „Ick wer' mein einzigstes Kind nich 
wie'n Hund inscharren lassen, ick jehe bei Bitthornen 
von St. Andreas.“ Regina widersprach, weil sie am besten 
wußte, daß jedes Zeremoniell ihrem Otto zeitlebens ein 
Greuel gewesen war. Schließlich gab sie nach und machte 
sich bekümmert an die Herrichtung der Trauerkleidung für 
Minni und die alte Witt, denn sie selbst war ja versehen. 
Die Beerdigung am Sonntag Nachmittag verlief sehr 
feierlich. Der Pfarrer fand lindernde Worte und rühmte 
von dem Toten, daß seine Religion im Suchen nach der 
Wahrheit gelegen habe und er als guter Sohn, Vater 
und Gatte immer den Weg der Liebe gewandelt sei. Ein 
freiwilliger Sängerchor der Firma intonierte: „Es ist 
bestimmt in Gottes Rat.“ Geisterhaft zurückgehaucht scholl 
der Nachklang der Töne in der hohen Kapelle, und die 
alte Witt faßte ihre Gefühle dahin zusammen, „das sei 
det Schönste vom Janzen jewesen und ihr Junge hätte 
wenigstens 'ne anständige Leiche jehabt.“ 
Eine große Trauerversammlung geleitete Witt auf 
seinem letzten Gange. Alles, was zu Gebrüder Sachs 
gehörte, war vollzählig erschienen, aber auch Haus und 
Nachbarschaft bekundeten ihre Gefühle. Völmy vom Kran— 
kenverein trug mit Würde einen Riesenkranz, und die 
alte Witt vergaß nicht, „daß die Schleifen mitgenommen 
werden.“ Sogar „Professor“ Wiechmann, der sonst dieser 
Form des Beileides grundsätzlich aus dem Wege ging, 
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