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XI.

Full text: Die geborene Tugendreich / Salomonski, Martin (Public Domain)

„Unser Mädel ist mindestens von dasselbe Herkommen 
wie Ihr eigener Sohn, und ich schmeiße Ihnen acht— 
kantig die Treppe runter, Sie gemeines Judenweib!“ 
Ein Augenblick lähmenden Schweigens trat ein, und 
die alte Witt mochte fühlen, daß sie zu weit gegangen 
war. Schon wandte sich Jettchen nach dieser deutlichen 
Verabschiedung zur Tür, als Minni schwankend sich ihr 
näherte und mit schmerzlicher Ueberwindung begann: „Ich 
verspreche Ihnen ...“, aber weiter kam sie nicht. Sie 
verlor das Bewußtsein, und im Fallen stieß ihr Kopf 
hart an den Stuhl, an den sie sich klammern wollte. 
Mit dumpfer Wucht schlug der Körper auf den Fuß— 
boden, und aus winziger Stirnwunde sickerte das rote 
Blut. 
„Um Himmelswillen!“, schrie Jettchen, die kein Blut 
sehen konnte. „Was ist geschehen?“ — „Sie kommen 
beim Staatsanwalt!“, antwortete die alte Witt unerschüt— 
tert. „Holen Sie einen Arzt!“, beeilte sich Frau Rosenthal 
zu raten. — „Ach wat, das wer'n wa bald haben, machen 
Se man bloß, daß Se rauskommen. Das Meechen hat 
eben Angst vor Sie, un Se wirken auf ihr als Schreck— 
jespenst.“ — Das war keine Schmeichelei und mußte 
doch eingesteckt werden. Inzwischen sprengte die alte Witt 
eifervoll und mit der Gewandtheit einer geübten Wasch— 
frau Wasser auf die Ohnmächtige. Minni schlug die 
Augen auf und sah verwundert um sich. „Gute Besserung, 
mein Kind!“, flüsterte Frau Rosenthal, die sich teilnahms— 
voll über sie gebeugt hatte. Adieu!“ — Die alte Witt 
folgte ihr mürrisch und erwiderte Jettchen: „Es tut mir 
leid, Frau ...“, mit einem höhnischen: „Wat nachkommt, 
is Bärme, un Frau sagt man überhaupt nich!“ — Also 
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