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Zwei Intelektuelle

Full text: Klasse im Kampf / Schröder, Karl (Public Domain)

Eschbach, vielleicht sind die Bauern der Welt im Aufstieg. Oder meinen 
Sie, daß es den Proletariern in aller Welt — viel mehr als hundert 
bis hundertfünfzig Millionen werden es noch nicht sein — überall so 
wie in Rußland gelingt, schnell die Macht zu erobern? Und die Bauern 
zu beherrschen? Wenn der Kapitalismus versumpfl? Sie wissen es sicher 
besser als ich. Wenn man alt wird, sieht man immer weitere Räume und 
viele Schwierigkeiten, An den Nationalsozialismus haben wir vor dem 
Kriege noch kaum gedacht. Aber was meinen Sie, werden die russischen 
Bauern im Falle eines Krieges unter kommunistischen Parolen kämpfen 
oder unter nationalbolschewistischen? Mir ist aufgefallen, daß die 
Russen gerade jetzt durch die Internationale ein Programm national- 
sozialer Volksrevolution aufstellen. Ich hörte, das hätte den Zweck, die 
Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zu stören, um eine 
Rußland genehmere Außenpolitik zu erzwingen . . .“ 
„Dummes Zeug...“ 
Eschbach kann sich nicht länger halten. Was selten geschieht — heftig 
unterbricht er den Alten. Das hagere Gesicht beginnt zu brennen. 
„Das muß man doch verstehen. Das ist es gerade, was die Bolschewisten 
uns beigebracht haben: Wenn es sein muß, innerhalb vierundzwanzig 
Stunden dreimal die Taktik wechseln. Man kann den Gegner nicht 
schlagen mit Idealismus und Skepsis, man muß ihn mit seinen eigenen 
Waffen bekämpfen. Oder glaubt die Sozialdemokratie im Ernst, daß 
sie mit dem Stimmzettel in der Hand die Macht erobern kann? In einer 
Zeit, in der der Parlamentarismus praktisch schon vor die Hunde geht? 
Das ist doch Gewäsch, Man muß dem Gegner das Wasser abgraben mit 
allen Mitteln. Aber die wollen nicht! Die wollen nur ihre Posten halten. 
Sie werden sich täuschen . . .“ 
Heftig nickt Eschbach. Wetter aber bleibt so ruhig wie vorher. Leise, 
als spräche er für sich selber, sagt er: 
„Spaltungen können stärken und schwächen. Wir werden noch manche 
Spaltung durchmachen müssen!“ 
Plötzlich steht er auf: 
„Sie kommen bald einmal wieder. — Ich freue mich drauf ...“ 
Als Erwin Eschbach die stille Straße hinuntergeht, vorbei an den 
Häuservorgärten, aus denen der nächtliche Duft gesättigten Frühlings 
strömt, ist. er so erbittert, daß er mehrmals mit der Faust durch die 
Luft schlägt. Wozu dieser Quatsch? Man vertrödelt nur seine Zeit. Eine 
gräßliche Gegend hier! Spießbürger und Rentiers, Bonzen und Par-
	        
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