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Nach dem Streik

Full text: Klasse im Kampf / Schröder, Karl (Public Domain)

von mir. Ich enterb’ euch einfach, dann werd’t ihr schon sehen, wo ihr 
bleibt. Ach, du lieber Gott! Wo mögen die beiden bloß sein. Denen 
kratz’ ich die Augen aus dem Kopf, wenn sie kommen. Und ihr steht 
mir bei, nicht wahr? Sonst kratz’ ich euch auch die Augen aus. Ach Gott, 
du süßes Pummelchen du! Steh doch mal auf, Friedchen — es tut mir 
so leid —, aber geh doch mal runter und horch da unten, vielleicht hat 
der Portier was gehört. Sieh mal zu — wir müssen doch endlich wissen, 
was los ist...“ 
Auguste hat bis zum Spätabend des nächsten Tages warten müssen. 
Dann hat es geklopft. Die Haustür unten war längst geschlossen. Es hat 
so geklopft, wie Albert Raskopp klopft. Das Herz hat direkt gestockt. 
Am Stuhl hat sie sich halten müssen. Dann hat sie die Tür geöffnet. 
Mit ausgebreiteten Armen, einen Schrei auf den Lippen stand sie da. 
Stand da — vor einem fremden Mann. Eleganter Anzug, schwarze 
Brille, Schnurrbärtchen wie Menjou im Kino, und kahlgeschorener 
Kopf. Der Mann hat sie schnell in die Küche gedrängt, die Tür hinter 
sich geschlossen. 
„Ist Albert da?“ 
Im ersten Moment denkt Guste, ein Mörder ist eingedrungen. Schon 
will sie schreien — da nimmt der Fremde die Brille ab. Auch die Stimme 
kommt ihr bekannt vor. Dann weiß sie Bescheid, Es ist Jaffke, Willi 
Jaffke, der sie kürzlich so geärgert hat. Wie hat der sich bloß verändert! 
Sie hätte ihn wirklich nicht wiedererkannt. Aber warte — der soll von 
ibr was zu hören kriegen ... So setzt sie auch an. Es hilft aber nichts. 
In Jaffke hat sie den Meister gefunden. Der kümmert sich gar nicht um 
sie. „Halt Schnauze!“ schreit er sie einmal an, dann geht er an den 
Ofen; steigt dort auf einen Stuhl; löst hinter dem Ofen die Tapete, 
holt dort eine Reihe Blätter heraus, sagt: „Det hat jeklappt‘“, und dann 
zu Auguste, die entsetzt ist, denn von diesem Versteck hat sie nicht 
das geringste gewußt: „So Guste, nu kannste schimpfen, soviel du 
willst. Ick hör nüscht. Aber wenn du nich artig bist, denn saj ick auch 
nich, wo Albert und Helmut sind. Und schrei nich so laut, ick jeh 
jleich wieder ...“ 
Was bleibt Auguste übrig? Jetzt hat sie doch endlich Gewißheit. Jetzt 
ist ihr tausendmal leichter. Die Hauptsache ist, sie sind am Leben. Alles 
andere wird sich schon finden. . 
Aber noch eine Woche vergeht, ehe die Geschwister sich wiedersehen. 
In der Zeitung hat inzwischen gestanden, daß Helmut Raskopp vom 
Schnellgericht zu drei Wochen Gefängnis verurteilt wurde. 
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