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Gespaltene Klasse

Full text: Klasse im Kampf / Schröder, Karl (Public Domain)

Ein oder zweimal hört man Brinkmanns Stimme: „Raus! Jetzt aber 
Schluß!“ 
Brinkmann ist plötzlich maßlos erregt. Hier wird offen die Spaltung 
gefordert. Jetzt!! Nein! Und tausendmal nein!! Raus mit Raskopp! 
Raus mit dieser Gesellschaft, die wieder alles zerschlagen will, was 
mühsam in Jahren aufgebaut wurde. Raus! Und immer wieder raus! 
So schnell wie möglich... 
Wie ein breiter Keil drücken siebzig, achtzig Männer — in Schaukel- 
bewegung geratend, sich gegenseitig mit Fäusten bedrohend — in die 
dicht gedrängten Massen im Saal. Viele sind auf Tische und Stühle 
gestiegen, wollen sehen, was da in der Ecke vor sich geht; werden her- 
untergedrängt, fallen, schimpfen. Auf der Bühne ist niemand zu sehen. 
Plötzlich verlöscht das Licht. Nur einige winzige rötliche Glühbirnen 
bleiben als Notbeleuchtung. Blutige Augen in Wolken von Tabakdunst. 
Wie ein düsterer Kessel klafft der Saal mit den hohen, harten,steinernen 
Wänden, auf dessen Grund jetzt tausend Männer wie eine zähe, schwer- 
flüssige, dunkle Masse sich drängen. Unter dumpfem Getöse schiebt 
alles zum engen Spalt der Saaltür, quetscht, ächzt, purzelt heraus, füllt 
wie gepreßte flüssige Lava die Treppen und Flure, breitet sich kochend, 
dampfend über die öden Plätze vor dem Versammlungslokal. Über sie 
fallen die schweren Schatten der nächtlich toten Markthalle, der 
schmutziggrauen Stadtbahnbögen. Vom Turm des nahen Rathauses 
schlägt es eins. 
Zwei, drei Stunden noch, dann wird es hier von anderem Leben bersten. 
Wagen an Wagen, unentwirrbar; tausende Käufer, Verkäufer; laute, 
rotgesichtige, üppige Händler; Männer, gewohnt, vor Sonnenaufgang 
zin Eisbein in die Wampe zu packen, Bier und Grog draufzuschütten; 
andere Männer, bleich, verschlafen, die Mütze tief im Gesicht; und 
wieder Kleinbürger, Gemüsekrämer mit wohlverpackten Frauen; 
lachende Jungens, die eben anfangen, im Warenverkauf die Achse des 
Lebens zu sehen. Arbeitslose, in deren verkniffenen Falten kein Platz 
mehr ist für überflüssige Freude ... 
Berlin ist Weltstadt, tagaus, tagein muß der Riesenmagen gefüllt wer- 
den. Komme, was will. Ohne Fressen geht es mal nicht .... 
„Ja — ohne Fressen geht es mal nicht!“ Das denken auch jene tausend, 
die zehn Minuten hindurch hinfließen über den grauen Asphalt. Vorbei 
an zahlreichen, glas- und gittergesicherten Lagerkellern, an Schuppen 
und Stapelräumen. Aus dem Dunkel heraus aber quillt in Wellen der 
Duft unzähliger Früchte, in Kisten gelagerter Apfelsinen, Bananen; 
Q
	        
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