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Nach dem Streik

Full text: Klasse im Kampf / Schröder, Karl (Public Domain)

Brandt zu Grabe getragen — so unbekannt für die Öffentlichkeit, wie 
er unbekannt war in seinem persönlichen Leben. Nur einige Tausend 
haben sich am Krematorium eingefunden. 
Jetzt. ist alles vorüber. Für die große Welt und auch schon für viele 
Parteigenossen ist er vergessen. Jeder hat eigene Sorgen; schon gar nicht 
der Sorgen der Organisation zu gedenken. Aber nicht vergessen ist 
Fritz von denen, die keine Organisation an ihn band; die ihn einfach 
liebten, wie einzelne Menschen einzelne andere lieben können. 
Max Arnold und Frau Berta sitzen am Bett der jungen Witwe. Ella 
Brandt hat das Schicksal zwiefach geschlagen; so schrecklich geschlagen, 
wie es nur die Frauen schlagen kann, die den Umkreis enger Familie 
noch nicht durchbrechen können. 
Den Mann verloren — das Kind verloren, bei zweiter Frühgeburt, 
Fiebernd liegt sie im Bett. In dem Bett, auf dem damals die Männer 
gesessen, die nach ihren Begriffen die Schuld daran tragen, daß alles 
gekommen ist, wie es gekommen. % 
Die Düsterkeit des Novemberhimmels drückt durch die Fenster 
herein. Eben hat Ella aufgeschrien: „Ich will nicht! ... Ich — wi—1 
ni—cht . . .!“ Frau Berta ist humpelnd — auf kranken Füßen — an die 
Wasserschüssel gegangen, ein Handtuch neu zu kühlen; es der Kranken 
über die Stirne zu legen. Die Tränen kollern ihr über die Wangen, 
lautlos; nur quälendes Schlucken ist zu hören. Arnold sitzt am Fenster; 
den Kopf gebückt, die Hände zwischen den Knien hängend. Er muß 
mit Gewalt den Schmerz verbeißen. Er hat das Schwerste getan, was er 
jemals in seinem Leben getan hat. Noch vor ein paar Wochen hätte er 
es für ausgeschlossen gehalten, sich zu so etwas zwingen zu lassen. Jetzt 
ist es zur Wirklichkeit geworden. Er ist zu dem Leichenbegängnis ge- 
gangen; hat dort inmitten jener gestanden, die.nach seiner festen 
Meinung den Pflegesohn auf dem Gewissen haben. Mehrere haben ihn 
erkannt, aber keiner hat ein Wort gesprochen. Er selber hat wenig 
verstanden von allem, was dort gesagt wurde. Ihm war die Kehle 
geschnürt, So ist es bis heute. Niemals war er redselig. Jetzt schweigt 
er schon tagelang; geht auch nicht in den Betrieb. Wenn er abends zu 
Bett geht, sieht Berta ihn an. Er sieht sie wieder an. Dann dreht er sich 
schnell zur Seite. 
Ein dritter sitzt noch im Zimmer der Kranken; Kurt Wiese, der Vetter 
von Fritz, der blonde Sportler, der einfache, wenig politische Mensch. 
Er ist oft gekommen, seit Fritz nicht da war. Er hat Ella geholfen, 
21€
	        
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