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Zwei Briefe, ein Manuskript

Full text: Klasse im Kampf / Schröder, Karl (Public Domain)

sehr zuwendet, wie Sie es offenbar taten. Wissen Sie, was ich mehrfach 
gedacht habe, wenn ich von Ihnen ging? Ich werde von ihm verlangen, 
er soll das Tier erschlagen, dann wird sich zeigen, wes Geistes Kind er 
wirklich ist. So — nun ist das geschrieben. Nun werden Sie besser 
verstehen, daß ich beim letzten Zusammensein — nach der Demon- 
stration — so heftige Worte fand. Ich haßte Sie. Das ist die Wahrheit. 
Das muß ich einmal aussprechen. 
Aber eben dieser Haß ist heute für mich in ein neues Licht gerückt. 
Gewissermaßen sehe ich ihn jetzt unpersönlich; als Haß bestimmter 
gesellschaftlicher Bewegungserscheinungen. Ich verstehe ihn besser und 
habe ihn damit überwunden. In Ihnen, Genosse Wetter, schwingt ge- 
sicherte deutsche Tradition, ich meine natürlich auch die besondere 
deutsche Tradition der Arbeiterklasse. Ich und viele andere meiner 
Generation sind in bestimmtem Sinn traditionslos. Im Krieg war ich 
unerwachsen. Gesehen habe ich seitdem ausschließlich Zerstörung. Die 
Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung war mir eigentlich nur in 
gröbsten Zügen bekannt. Jetzt bin ich dabei, sie gründlich zu studieren. 
Ich muß auch zugeben, daß es berechtigt ist, davon zu sprechen: man 
kann nicht russische Taktik so mir nichts dir nichts auf deutsche Ver- 
hältnisse übertragen. Das hab’ ich natürlich immer gewußt; in Worten 
gewußt und nachgesprochen; jetzt aber fange ich an, diese Wirklichkeit 
zu begreifen. Genug davon! Was ich sagen will, ist dies: Die ältere 
Generation muß los von der Tradition, sie muß sich mühen darum; 
die jüngere Generation muß stärker hinein in die Tradition. Das ist die 
Brücke — wenigstens eine der Brücken, so scheint mir, auf der ein Zu- 
sammenfluß aller Kräfte erfolgen kann. Dafür jedenfalls will ich wirken, 
wenn ich wieder frei bin. 
Wann ‚wird das sein? Ich habe keine Illusionen. Vielleicht, daß eine 
Amnestie .. . Scheußlich! 
Im übrigen glaube ich jetzt mit Ihnen — Sie sprachen davon kurz vor 
meiner Verhaftung —, daß wir vor noch ganz neuen ‚Anfängen‘ stehen, 
vor neuen ‚Formen‘, die sich der neue Inhalt erzwingt. Darüber wird 
viel noch zu sagen sein. Mir scheint, die Massen sind weiter als die 
Führer glauben und glauben wollen. 
Genug. 
Für diesmal ein Letztes: Was ich getan, bereue ich nicht. Ich würde es 
jederzeit. wieder tun, wenn ich könnte. Ich weiß zwar — seltsam zu 
sagen — bis heute nicht Ihre wahre Meinung über Rußland; aber das 
weiß ich gewiß, daß Sie mich nicht verurteilen werden, weil ich Ruß- 
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