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Am Vorabend

Full text: Klasse im Kampf / Schröder, Karl (Public Domain)

wird denn heute verdient? Ein Akkordarbeiter geht mit einem 
Wochenverdienst von 36,52 Mark nach Hause; ein Hilfsarbeiter mit 
24,50 Mark. Ist es ein Wunder, wenn ihre Arbeitskleidung nur noch 
aus Flicken besteht?“ Dies hatte Riebes Kollege gesagt; Riebe hat dann 
hinzugefügt: „Jede Arbeit verliert ihren gesellschaftlichen Sinn, wenn 
der Ertrag nicht wenigstens die zum Lebensunterhalt unbedingt nötigen 
Ausgaben deckt.“ 
Daraufhin hatte der Syndikus die Frechheit besessen, Riebe ironisch 
anzusehen und zu sagen: „Das gute Herz Herrn Riebes in Ehren, aber 
sie säßen. hier hoffentlich nicht, Moralphilosophie zu treiben ... das 
äberstiege auch seinen Horizont, er wäre Jurist und nicht Theologe.“ 
Also soll sich — nach Meinung dieser Herren — der Arbeiter restlos 
ausplündern lassen, auch wenn er sich nicht einmal satt essen kann. 
Und damit vergleiche man die Hunderttausendgehälter der Direktoren 
und Aufsichtsräte! 
Das Resultat der Verhandlung liegt schriftlich vor. Riebe wirft einen 
Blick darauf. Im Kern steht da: 
„Die bisherigen Tarifmindestlöhne der Arbeiter über achtzehn Jahre 
werden in allen Lohnklassen um 8 v. H., der Jugendlichen unter 
18 Jahren und der Arbeiterinnen um 6 v. H. gekürzt. 
Die Akkordberechnungsgrundlagen ändern sich im gleichen Maße. 
Den Parteien wird von der Schlichterkammer empfohlen, zu prüfen, 
ob und in welchem Umfange durch Kürzung der Arbeitszeit Wieder- 
einstellung von Arbeitslosen bewirkt werden kann. 
Soweit der bisherige Bestand an Arbeitskräften nicht aufrechterhalten 
werden kann, wird den Arbeitgebern empfohlen, durch Arbeits- 
streckung Entlassungen größeren Umfanges zu vermeiden.“ 
Vom ersten Augenblick an war Riebe und allen Kollegen klar: Dieser 
Schiedsspruch ist untragbar. Ein Lohnabbau in diesem Ausmaß: Prak- 
tisch ein reines Diktat der Unternehmer — wird freiwillig von den 
Mitgliedern des Verbandes nicht hingenommen. Die Stimmung ist allzu 
geladen. Alles kommt zusammen, Die gesamte deutsche Arbeiterschaft 
sieht in diesem Augenblick auf den Berliner Verband. Er soll die Probe 
bestehen, wie weit der Lohnabbau gehen kann. 
Es gibt keinen anderen Ausweg. So furchtbar die Situation sein mag — 
öhne Kampf riskiert der Verband seine Existenz. So wenigstens meinen 
verschiedene der Kollegen. Riebe teilt diese Befürchtungen nicht; aber 
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