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Am Vorabend

Full text: Klasse im Kampf / Schröder, Karl (Public Domain)

Hm Vorabend 
Gustav Riebe, Uprecht und ihre nächsten Kollegen kommen seit Tagen 
kaum noch ins Bett. Zwei Tage ist Riebe nicht zu Hause gewesen. Er 
hat nur einige Stunden in seinem Büro auf einem Diwan geschlafen. 
Die Ereignisse überstürzen sich; sie verlangen das Außerste, was ein 
gesunder Körper an Kraft hergeben kann. Und Gustav Riebe ist manch- 
mal geschwächt. Ärger als sonst quält ihn der Druck in der Magen- 
gegend; nervöses Brennen dort peinigt ihn. Am schlimmsten, wenn er 
zu Hause ist; scheinbar Ruhe hat. Es ist keine wirkliche Ruhe. Emilie 
reizt ihn in letzter Zeit durch lauerndes Schweigen. Sie hat plötzlich 
Minna entlassen; ein neues Mädchen eingestellt, ein junges Ding, das 
kommandiert werden kann wie ein Wachhund; sich keine Eigen- 
bemerkung erlaubt. 
Immer einsamer fühlt sich Riebe. Am besten, er hört und sieht nichts 
von Hause. Erdrückt von Arbeitsfülle, ist ihm am wohlsten; dann ver- 
gißt er, wo es sticht und brennt. Bei der Arbeit ist er der alte, nichts 
entgeht ihm; da bleibt er der starke Taktiker. 
Ein schweres Stück, die letzte Verhandlung im Reichsarbeitsministerium. 
Unvereinbar prallten die Gegensätze aufeinander. Nicht das geringste 
Entgegenkommen zeigten die Herren vom VBMI. Als ob sie es auf 
Provokation angelegt hatten. Das Tollste vom Tollen leistete sich ihr 
Syndikus. Noch jetzt — drei Tage spiter — kommt Riebe nicht los 
davon. 
Er und seine Kollegen haben immer wieder auf folgendes hingewiesen: 
„Die geringe Senkung der Preise — die immerhin anerkannt werden 
solle — sei durch den bisherigen Lohnabbau schon mehr als aus- 
geglichen. Die durch den Abbau eingetretene Schwächung der Kauf- 
kraft habe die Lage des Binnenmarktes beinahe hoffnungslos ver- 
schlechtert ... Es widerspräche aller sozialen Gerechtigkeit, wenn die 
Senkung der Gestehungskosten der Werke immer nur von der Lohn- 
seite vorgenommen werde. Wohin das führe, bewiesen Zahlen ... Bei 
Beginn der Verhandlungen, vor den Wahlen im Frühjahr: in Berlin 
rund 51 000 Metallarbeiter erwerbslos, jetzt dagegen schon 8o 000. Was 
‚Q9
	        
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