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Gespaltene Klasse

Full text: Klasse im Kampf / Schröder, Karl (Public Domain)

Gespaltene Klasse 
Vor wenigen Minuten hat sich Uprecht, der heute den Vorsitz in der 
Versammlung führt, zu seinem Kollegen Riebe herübergebeugt und 
gesagt: 
„Sichst du — das ist doch einigermaßen gegangen. Mit etwas — na 
du weißt ja — und Ruhe ist alles zu machen. Gott sei Dank — ich 
glaube, die Menschen kriegen allmählich wieder Vernunft. Ist auch Zeit, 
endlich kann man mal wieder ein paar Tage in Frieden schlafen.“ 
Das hat er in seiner breiten Art gesagt, den kräftigen Körper wiegend, 
einen hellen Schein auf dem derben roten Seemannsgesicht, das durch 
die große Hakennase und buschige Brauen seine eigene Note erhält. 
Gustav Riebe drückte nur beide Augen zu, zog den Kopf ein wenig in 
die Schultern. Und Uprecht fügte hinzu: 
„Mensch! Kannst du denn niemals zufrieden sein? Noch zehn Minuten, 
dann haben wir’s geschafft. Wir können nachher noch einen nehmen. 
Wir haben’s verdient.“ 
Auch darauf hat Riebe nichts erwidert, nur mit den Fingern geschnippt, 
einen raschen schiefen Blick über die tausend Menschen unten im Saal 
geworfen. Er hat etwas beobachtet ... ; 
Gustav Riebe ist Sieger geblieben. Knapp fünf Minuten sind vergangen, 
und schon ist aus dem Tal der Ruhe das Tal der tausend Dämpfe ge- 
worden. 
„Da hast du deine Vernunft! Lehr du mich Menschen kennen! 
‚.. Immer verrückter wird die Gesellschaft ... aber ... warten wir 
ab... 
Riebe zischt es Uprecht zu, ohne den Kopf zu wenden, mit kaum be- 
merkbarer Lippenbewegung, so.aus dem linken Mundwinkel heraus. 
Sein starker Hals, der über den Kragen preßt, läuft rot an. Unruhig 
hasten die Augen umher, aber man kann nicht sagen, wohin sie sich 
eigentlich richten. Plötzlich ergreift er, ohne Uprecht zu fragen, die 
Glocke, schwingt sie mit heftigen, zuckenden Bewegungen. Er erreicht 
nichts. Sein Gesicht überläuft ein ironisches Lächeln, als ob er sich über 
sich selbst lustig macht.
	        
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