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Zweiter Teil Einundzwanzigstes Kapitel. Auf Tod und Leben

Full text: Emil / Landsberger, Artur (Public Domain)

eine Dame ins Haus genommen, die der Wirtschaft 
vorstand, aber so hübsch und schick war, daß liebe 
Nachbarsleute nicht recht an ihre hausfraulichen 
Funktionen glaubten. Hätten sie tieferen Einblick in 
das gehabt, was im Hause vorging, so hätten sie sich 
zwar vermutlich auch weiterhin die Mäuler zerris- 
sen, obschon sie sich leicht davon hätten überzeugen 
können, daß die Beziehungen zwischen der hübschen 
Hausdame und dem Oberstaatsanwalt durchaus kor- 
rekte waren — womit nicht gesagt ist, daß der Staats- 
anwalt nicht alle seine Künste springen ließ, um die 
dem Haus gewonnene Dame auch seinem Herzen zu 
gewinnen. Mehr als einmal glaubte er am Ziel zu 
sein — im entscheidenden Moment aber siegte stets 
die Tugend, von der der Oberstaatsanwalt im Laufe 
der Zeit so stark beeindruckt war, daß er allen Ern- 
stes daran dachte, die Hausdame zu seiner Frau zu 
machen. 
Oder war es weniger ihre Tugend und mehr sein 
Wunsch des Besitzes, der diesen Gedanken in ihm 
wach werden ließ? Jedenfalls wußte er, daß dieser 
Besitz nur zu erreichen war, wenn er als Preis die 
Ehe bot. 
Er war entschlossen, es darauf ankommen zu las- 
sen. — Es war nach dem Diner. Oberstaatsanwalt 
Spicker saß, wie jeden Abend, mit seiner Hausdame 
in der Halle an dem runden Tisch, auf dem Obst, 
Liköre, Wein und Süßigkeiten standen. Sie war in 
kleiner Abendtoilette ohne Schmuck, er im Smo- 
king. — Der Diener zog die hohen Gardinen vor die 
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