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Zweiter Teil

Full text: Bankhaus Reichenbach / Landsberger, Artur (Public Domain)

Als Tante Amalie dem jungen Morener — wie sie es 
nannte — auf die Beine half, stand sie nicht etwa im 
Komplott mit Hedda. Ja, nicht einmal ihr stilles Ein⸗ 
verstaͤndnis setzte sie voraus. Sie wußte im Gegenteil, 
daß es ihrer Nichte mit der Abwehr ernst war. Aber sie 
kannte auch deren Temperament. Das hatte Hedda von 
ihrer Mutter geerbt, die Tante Amalies Schwester ge⸗ 
wesen war. Von dieser Schwester her wußte Tante Ama⸗ 
lie, daß die Natur sich nicht zuruͤckdraͤngen ließ. Die 
Mutter hatte es versucht. Aber sie war bei diesem Ver⸗ 
such, den die Tochter nun wiederholte, gescheitert. Die 
letzten Jahre ihres Lebens hatte sie in einem Sanatorium 
verbracht. In der krankhaften Vorstellung, eine Heilige 
zu sein. Aus diesem traurigen Erlebnis leitete Tante 
Amalie, die eine ebenso gute wie kluge Frau war, ab, 
daß es dem geistigen und koͤrperlichen Wohlbefinden einer 
leidenschaftlichen jungen Frau zutraͤglicher sei, eine Hei⸗ 
lige zu scheinen, als zu sein. Als sie von der Verlobung 
ihrer jungen Nichte mit dem um dreißig Jahre aͤlteren 
Millionaͤr Heinrich Morener erfuhr, war ihr erster Ge⸗ 
danke: ein Ersatzmann! Diesen obszoͤnen Gedanken sprach 
sie nicht etwa aus, wehrte ihn, als sie sich dabei er⸗ 
tappte, wie etwas Fremdes, das sich ihr aufdraͤngte, ab 
und sagte: ich weiß allein, was ich dem Andenken meiner 
Schwester schuldig bin. 
Als sie dann in ihrer uͤbertriebenen Angst schon nach 
einem halben Jahre bei ihrer Nichte aͤhnliche nervoͤse 
Erscheinungen wahrzunehmen glaubte, wie zwanzig Jahre 
zuvor bei ihrer Schwester, sagte sie zu Hedda: 
»Gegen deine Krankheit gibt es nur ein Rezept! Du 
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