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Dritter Teil

Full text: Bankhaus Reichenbach / Landsberger, Artur (Public Domain)

Wesentliche: daß kein Reichenbach auch nur einen Augen⸗ 
blick daruͤber nachdachte, ob Heinz Reichenbach schuldig 
war. Der Gedanke kam ihnen gar nicht. Vielmehr ging 
ihr Zusammengehoͤrigkeitsgefuͤhl so weit, daß sich jeder 
als Glied einer geschlossenen Kette und diese Kette wie⸗ 
der als ein Ganzes fuͤhlte, das an Glanz und Wert ver—⸗ 
lor, wenn auch nur ein Glied beschaͤdigt wurde. Fuͤr diese 
Art Weltanschauung des »einer fuͤr alle und alle fuͤr 
einen« waren die meisten Familien in sich nicht mehr ge⸗ 
nuͤgend gefestigt. Man sehnte sich viel mehr danach, 
aus jeder Verantwortung den Naͤchsten gegenuͤber her⸗ 
auszukommen, da man die Wege, die der einzelne ging 
und die ehemals durch Generationen vorgeschrieben wa⸗ 
ren, kaum noch kontrollieren konnte. Diese einst in Tra⸗ 
dition aufgehenden Kreise, die den Kampf ums Dasein 
nur vom Hoͤrensagen kannten, waren in derselben Stunde 
entwurzelt, in der sie sich vor die Notwendigkeit gestellt 
sahen, um ihre Existenz zu kaͤmpfen. Denn nun war statt 
der UÜberlieferung ploͤtzlich Zweckmaͤßigkeit das Gebot der 
Stunde. Familien aber, die das nicht erkennen konnten 
oder wollten — und zu ihnen gehoͤrten die Reichenbachs 
—konnten nicht fortbestehen. 
Daß aber selbst in den aͤltesten Familien die junge Gene⸗ 
ration diesen ruͤcklaͤufigen Sinn verloren hatte, bewies 
Hanni Reichenbach, die dabei doch ganz das Gegenteil 
des typisch modernen jungen Maͤdchens war. Die durch 
das gedankliche Fortleben mit Generationen geschaffene 
Kontinuitaͤt hatte bei ihr statt Ruͤckstaͤndigkeit Festigkeit 
erzeugt, statt Bodenstaͤndigkeit Charakter. Nicht, daß sie 
den Wert, eine Reichenbach zu sein, unterschaͤtzte. Aber 
waͤhrend die anderen Anspruͤche daraus herleiteten und 
sich betrogen fuͤhlten, wenn diese Anspruͤche unbefriedigt 
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