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Erster Teil Siebentes Kapitel

Full text: Villa im Tiergarten / Landsberger, Artur (Public Domain)

„Mir kam sie vor wie ein Tier, das sich unter Men- 
schen verirrt hat und nun von ihnen gejagt wird, ohne 
recht zu verstehen, was die eigentlich von ihr wollen.“ 
„Das ist es ja!‘ bestätigte Rolf, „Ihr fehlt die Er- 
ziehung, die Bildung, der Sinn für Anstand, das Ge- 
fühl für Recht und Unrecht — mit einem Worte die 
Kultur. Dadurch stellt sie sich eben außerhalb der be- 
stehenden Gesellschaftsordnung und gleicht, wie Sie 
sehr richtig sagen, eher einem Tier als einem Men- 
schen.“ 
„Wenn dem so ist,“ erwiderte Frau Inge, „dann hat 
die Menschheit mit der sogenannten Kultur aber viele 
ihrer besten Eigenschaften eingebüßt.“ 
„Zum Beispiel?“ fragte Rolf. 
„Vor allem die Ursprünglichkeit!“ 
„Es fragt sich, ob das ein Verlust ist.“ 
„Ich finde: ja! — Diese Unmittelbarkeit, mit der 
diese Frau ihr Herz enthüllte, hatte geradezu etwas 
Erfrischendes.“ . 
„Ein kultivierter Mensch trägt seine Gefühle nicht 
zu Markte,“ sagte Rolf. 
„Er hat eben gelernt, sich zu verstellen. Und von 
der Verstellung zur Heuchelei ist nur ein Schritt.“ 
„Das sind ja alles Phrasen,“ meinte Töns, „Die 
Pointe, auf die es ankommt, ist: wie kommt man wei- 
ter.‘ 
„Weiterkommen ist auch ein relativer Begriff,“ er- 
widerte Frau Inge. „Der Eine glaubt die höchste Stufe 
erreicht zu haben, wenn es im Umkreise von hundert 
Kilometern keinen Menschen gibt, der reicher ist als 
er, der Andere, wenn er, unbekümmert um alles Ma- 
terielle, menschlich die höchste Vollkommenheit er- 
reicht hat.“ 
„Eins ist natürlich so falsch wie das andere,“ er- 
widerte Töns. „Mit Edelmut kannst du heute verhun- 
gern, und mit Geld kommst du weder in die Gesell- 
schaft noch in den Unionklub. Was man haben muß, 
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