126 Centralblatt der
Bauverwaltung. 15. April 1882.
thores und zugleich unweit der Mitte des Lagers. —Das Quästorium,
Ort der Proliant-, Zeug- und Kassenverwaltung, befand sich in älterer
Zeit neben dem Prätorium, in späterer Zeit in der Nähe des Hinterthores
(porta decumana) welches dann hiernach auch „porta quaestoria“
benannt wurde. Ein Forum für Handel und für Kriegsgerichte nebst
Opferplatz lag in der Nähe des Prätoriums und ebenso lagen in der
Nähe des letzteren auch die Quartiere für Tribunen, und ausgewählte
Truppentheile.
Nach aufsen hin folgten dann an den das Lager rechtwinklig
durchschneidenden Strafsen die Heeresabtheilungen je nach SectLonen
von 10 Gemeinen und einem Aufsichtsführenden (s. g. contubernien)
in kleinen Zelten oder bei festen Lagern in Casernenzelten zusammenlagernd,
und zwar in älterer Zeit die Römer einwärts, die Hülfsvölker
auswärts, in späterer Zeit umgekehrt. Sonst noch vorkommende
Anlagen, wie eine Fabrica (Waffenschmiede) und das Valetudinarium
(Lazareth) sind wohl je nach Bequemlichkeit angeordnet.
Eine bei Feldlagern besonders breite, bei stärker befestigten
Lagern auch schmalere Wallstrafse (via angularis) fäfste das Lager
innerhalb der ungefähr ein Geviert bildenden Uznwallung ein; diese
soll nach der geltenden Regel an jeder der 4 Seiten ein Thor erhalten,
also aufser den auch bei dem Deutzer Castrum vorhandenen Hauptthoren
noch die portae principales, dextra und sinistra. In der Nähe
jedes Thores war für Bewachung desselben und der dazugehörigen
Wallseite eine bestimmte Mannschaft aufgestellt. — Die Umwallung,
welche bei beweglichen Feldlagern oft nur aus einem etwa meterhohen
eine Brustwehr bildenden Erdaulwurfe mit etwa 2 m tiefem
Graben besteht, nimmt bei festen Lagern die ausgebildeteste Form
von Burg- und Städtemauern an.
Thürme, in der Regel nur zur Flankirung der Thore üblich, werden
rlem Mauerwall zur besseren Vertheidigung mitunter in durchlaufender
Kette hinzugefügt, wie hier in Deutz, wie ferner an dem gewaltigen
festen Schlosse zu Salona und an dem noch gewaltigeren riesigsten
römischen Castrum zu Gamzigrad in Serbien, an diesem sogar in
doppelter Vertheidigungslinie. — Die zu dem gleichen Zweck von den
Schriftstellern empfohlene, au den Beispielen meist auch angewandte
Abrundung der Ecken scheint bei solcher Thurmilankirung durch die
Eckthürme überflüssig gemacht zu sein und fortzufallen, wie hier in
Deutz, im Gegensatz zu thuraiflankirtcn Städtemauern, bei welchen
vielfach die von Vitruv empfohlene grö/sere Rundung vorherrscht. —
Mit dem Mauerwall wird mitunter noch eine Reihe von casemattenähnlicben,
unter dem Webrgange angelegten Casernenzellen verbunden,
so in Salona und in dem Prätorianerlager in Rom.
Nach solchem Anhalt das Bild des Deutzer Castrums zu vervollständigen,
ist in der perspectivischen Ansicht (s. vor. Nr.) durch Punktirung
des Grundrisses der innern Lagerordnung versucht. Im Anschliffs
an die feststehende Lage des oben besprochenen als Tempel gedachten
Gebäudes (a) sind die drei anderen gröfsem Bauanlagen, das Prätorium
(b), das Quästorium (c) und das Forum (d) in dem mittleren
Theil des Castrtims und nach dem Rande zu die Caserncn oder
Baracken für etwa 4 Coborten, zu 500 Mann — je 11 Mann in einer
Zelle — angenommen. Da nun die entdeckte an den mittelsten
Thurm der Sürlfront stofsende Quermauer auf Absperrung eines Tbeils
im Lager hinweist, so ist liier das Valetudinarium als eine besondere
durch Mauern abgesperrte Caserne gedacht. Gemeinschaftliche
Küchen dürfte man wohl in einigen der Vertlieidigungsthürme annehmen,
zumal in dem der porta praetoria nördlich zunächst gelegenen
Thurm Küchenreste, Knochen und glasirte Thonfliesen gefunden sind.
Für die durchweg von höheren Thürmen flankirte Mauer reichte
ein mäfsig, d. h. etwa 2 bis 2tyjm breiter WefiTgang mit Zinnenbrüstung
aus und, wie oben bereits erwähnt, ist derselbe an der dem
Angriffe weniger ausgesetzten Westseite sogar weggefallen oder zu
einem Mauerabsatz für etwaige Auflagerung einer Holzgalerie zusammengeschrumpft.
Dafs von Caserncn im Castrum keine Spuren entdeckt wurden,
erklärt sich aus einer leichten barackenartigen Bauart derselben. Anscheinend
unbebautes, d. li. wohl ehemaliges Strafsenterrain wird
merkwürdigerweise durch zwei jetzt aufgedeckte rechtwinklig zu
einander liegende regelmäfsige antike Grabenspuren markirt. Man
hat dieselben für Reste des Wallgrabens eines noch älteren hier
vorhanden gewesenen leicht befestigten Lagers gehalten, welches sich
mehr nach Norden und nach der Rheinseite zu erstreckt haben müfste.
Bei der Verschiebung des ßheinlaufes nach Osten ist eine solche
Veränderung des Lagers wohl denkbar. Ob man aber hier die Spur
des von Cäsar bei seinem zweiten RheinübergaDg im Jahre 53 v. Chr.
errichteten mit 12 Coborten besetzten und jedenfalls umfangreichen
Standlagers vor sich habe, wie auf Grund neuerer Studien über den
Ort dieses Rheinüberganges vermuthet worden ist, inufs dahingestellt
bleiben.
Was die Bauzeit des Castrums betrifft, so wissen wir aus literarischen
Nachrichten des Eutropius und Eumenius nur, dafs die
Brücke mit massiven Pfeilern, wahrscheinlich an Stelle einer hölzerneu
von Constantin erbaut wurde; doch an der Befestigung selbst scheint,
so weit aus den jetzt gefundenen Grundmauern zu erkennen ist,
nichts wesentliches von Constantin herzurühren; denn die hier an
den Ziegeln vorhandenen Legionsstempel weisen, so weit zu ermitteln
ist, auf solche Legionen hin, welche laut historischen Nachrichten
hier kurz vor der Regierungszeit des Vespasian stationirt waren (wie
die 8te, 12te und 22te Legion). Es möchte also der Bau der Mauern
und Thürme der Hauptsache nach in das erste Jahrhundert n. dir.
zu setzen sein. Die porta prätoria scheint nach der oben erwähnten
Jnsclirift unter Marcus Aurclius und Lucius Veras in der zweiten
Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. erneuert zu sein.
Interessant ist übrigens der Fund eines Restes der mittelalterlichen
Wiederherstellung des Castells nach bereits begonnenem Abbruch,
welche nach sicheren Nachrichten auf Befehl Otto’s I. stattgefunden
hat. — Es ist nämlich in dem durchbrochenen Fundamente
der porta decumana ein niedriges flachbogiges, etwa 3 m breites
Thor in schräger Richtung eingebaut, welches nach dem Rhein hinabführte
imd an der Innenseite durch eine starke, 17 m breite, halbrunde
Bastei flankirt wurde'.
Zum Schlüsse sei noch eine vergleichende Betrachtung verschiedener
römischer Lager in Bezug auf Gröfse und Beschaffenheit
hinzugefügt.
Das Castrum Prätorium iu Rom, das ausgedehnteste seiner
Art, ist, soweit zu erkennen, etwa 440 zu 400 m grofs, ohne durchgehende
Thurmflankirung mit hoher an den Ecken abgerundeter
Mauer, darin eingebauten Casernenzellen und auf Gewölben ruhendem
Wehrgauge.
Das stärkste Castrum, das oben erwähnte in Gamzigrad in
Mösien, hat eine etwa 300 und 220 m grofse Aufsenbefostigung mit
fast 4 m dicker von runden Thürmen flankirter Mauer und fast 29 m
dicken Eckthürmen, dazu eine innere Befestigung von fast gleicher
Form in verringertem Mafse.
Das ähnlich starke feste Schlofs des Diocletiau in Salona in
Dalmatien hat im Aeufsem eine 192 zu 162 m grofse Uramauerung,
welche an 3 Seiten von ganz heraustretenden, theös viereckigen, theils
achteckigen Tbürmen flankirt wird.
Das Castrum von South Shelds in England, mit 185 zu 110 m
grofsem gemauerten und hintert'ülJten Walle ohne durchgehende
Thurmflankirung, ist an den Ecken abgerundet.
An der deutsch-römischen Grenze sind bekannt: das Castrum
von Bonn, etwa 520 ra im Geviert grofs, ohne durchgehende Thurmilankirung
mit abgerundeten Ecken; ferner das Castrum von Saalburg
(arx Tauni) bei Homburg mit 220 zu 140 m grofsem gemauerten
und hinterfüllten Walle ohne durchgehende Thurmflankirung, an den
Ecken abgerundet, iin Innern mit deutlich erkennbarem grofseu Prätorium
in Form eines römischen Hauses mit Zusatz eines Tburmes:
dann das Castrum von Xanten, noch nicht vollständig aufgedeckt,
von ungeheurer Ausdehnung, mit einem 104 m im Geviert grofseu
Gebäude, doch mit Umfassungsmauern von verhältnifsmälsig geringer
Stärke und ohne Thurmflankirung; schliefslieh das Castrum von
Nieder-Biber bei Neuwied am rechten Rheinufer mit etwa 250 zu
190 m grofsem gemauerten und hinterfüllten Walle, durchgehend von
altanartigen Mauervorsprüngen flankirt, an den Ecken abgerundet,
im Innern mit Gebäuderesten, unter welchen weh ein anscheinend
für Bäder eingerichtetes Gebäude mit Hypokaustum befindet.
Das Deutzer Castell, etwa 140 m im Geviert grofs, ist demnach
von diesen das kleinste, mehr ein befestigter Vorposten und Brückenkopf,
daher ohne die seitlichen Thore, die den übrigen nie fehlen,
doch verhältnifsmälsig stark durch vollständige Thurmflankirung. —
Noch kleinere Castelle kommen namentlich in gebirgigen Gegenden
mehr als Ergänzung der natürlichen Terrainschutzmittel vor, so in
Würzherg und in Eulbach im Odenwalde, in Oberwinterthur und in
Burg in der Schweiz.
Es ist nicht unmöglich, dafs spätere Zufälle und Bemühungen
uns über das Innere des alten Deutzer Castrums richtigere Aufklärung
schaffen, als dies jetzt unter Aushülfe mit blofsen Conjecturen
möglich ist. Erfreulich ist aber immerhin die Feststellung
des Mauerringes und eines inneren Gebäudes in ihren Grundformen,*)
somit der Wiedergewinn eines GEedes in der Kette der monumentalen
Reste des Aiterthums und zugleich der historischen Denkmale
unseres Vaterlandes,, welches in seiner heutigen Macht und
Ausdehnung solche unseren Vorfahren einst feindlich drohende
Zwingburgen mit Stolz ab seine eigenen Erinnerungsmale betrachten
kann. Karl Marggraff.
*) In der Situationsskizze des Castrums iu vor. Nummer gibt
die dunkle Schraffur die durch die Ausgrabung vollständig, die
helle die allgemein festgestellten Theile an; danach konnten die
übrigen nicht schraffirten Theile mit Sicherheit ergänzt werden.