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[5. Kapitel]

Full text: Es geschieht in Berlin / Holitscher, Arthur (Public Domain)

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gefühl wertlos sei, daß dagegen die Individualpsycho- 
logie, die dem Proletariat seinen Minderwertigkeits- 
komplex, seine ihm durch Herkunft, Kirche, Schule, 
Fabrik, ja durch die sozialdemokratische Gewerk- 
schaftstechnik anerzogene Angst nehmen will, ganz 
andere Bedeutung besitze! 
Ein paar Minuten später horchten alle auf, denn 
es wurde das klassische Beispiel erörtert von den 
beiden Siebzehnjährigen, die zu ein und derselben 
Prostituierten gehen, und wie sie sich dem Mädchen 
gegenüber betragen: der eine, der das Mädchen aus 
seinem von den Eltern erhaltenen Taschengeld, und 
der andere, der das Mädchen aus seinem Lohn, den 
er als selbständiger Arbeiter in der Fabrik verdient 
hat, bezahlt. Sie waren nahe daran, einen Vorsitzen- 
den zu wählen, um die Diskussion über dieses Thema, 
das sie alle leidenschaftlich interessierte, in die rich- 
tigen Bahnen, wie sie das in Versammlungen erlebt 
hatten, zu leiten, — aber Gerhard, der, etwas prüde 
veranlagt, Unflätigkeiten befürchtete, lenkte ge- 
schickt ein und bat Ernst, sich darüber zu äußern, 
wie sich der Briefschreiber (es war der bekannte 
Reichstagsabgeordnete Liebergott) den Führer zur 
kulturellen Erneuerung vorgestellt haben mochte. 
Mirjam Stern schob ihre Finger leise durch Erwins 
Lockenkopf: 
„Wozu darüber sprechen, jeder von uns weiß, 
wie diese Menschen sind, und du, Gerhard, weißt 
es ebensogut wie wir alle. Ach, ich wünsche mir 
nichts Besseres, als von hier fortzukommen, ewig
	        
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