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[21. Kapitel]

Full text: Es geschieht in Berlin / Holitscher, Arthur (Public Domain)

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seiner Frau aber hielt der Generaldirektor im allge- 
meinen, gewappnet mit geheimer Ironie, mit nicht 
nur gespielter, sondern. ihn ganz erfüllender Ruhe 
und Gleichgültigkeit stand. Nur das eine wurmte 
ihn, daß er, nicht mehr im Vollbesitz seiner körper- 
lichen. Kräfte, keine Mätresse in der Stadt besaß, 
durch deren Besitz er seine Frau hätte ärgern und 
demütigen können. Gewiß hätte Herr Lewithan sich 
jetzt in dem Salon nicht so auffällig und durch die 
Anziehungskraft der Frau Generaldirektor offen- 
sichtlich erregt benommen, wäre die Indolenz des 
Gatten ihm und, wie man annehmen durfte, auch 
den anderen unbekannt gewesen! 
Der Klaviervirtuose schloß mit der Fuge den Vor- 
trag der Variationen, stand auf und verneigte sich 
gegen die Damen, dann gegen die Herren, die ihm 
applaudierten. Er tat das mit betontem Stolz, der 
noch durch den Umstand erhöht wurde, daß er in 
diesem Hause keine Bezahlung in Form eines Schecks 
oder eines Kuverts mit einer Banknote erhielt. Er 
war hier lediglich Gast des Hauses Friedenfeld, 
dessen Einfluß auf die Finanzwelt Berlins bekannt 
war. Die junge Montenegrinerin hakte ihren Arm 
verliebt in den ihres Gatten ein, mit einer Geste, die 
nicht nur Hingegebenheit verriet, sondern auch die 
ausgesprochene Absicht, den Virtuosen von einer 
Zugabe abzuhalten. Das Paar setzte sich an das Tisch- 
chen der Frau Generaldirektor, die mit zierlichen 
Gesten die Teetassen zu füllen begann. Von seinem 
Platz auf dem Sofa im Stile Louis XVI. erhob sich
	        
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