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[14. Kapitel]

Full text: Es geschieht in Berlin / Holitscher, Arthur (Public Domain)

ITT 
mörder zu sein. Das ist, wenn man am Leben bleibt 
und nicht weiß, was man mit diesem Leben anfangen 
soll. Vorgestern habe ich den Tee bei Alice Fogel ge- 
trunken, und da ist mir ein junger Mensch begegnet, 
der mir erzählte, daß er in dem Gefängnis — es war 
ein deutsches Gefängnis, aus dem er kam — er hatte 
drei Jahre zu sitzen gehabt, wegen irgend etwas mit 
Politik — sechsmal wochenlang im Hungerstreik ge- 
standen hat, ein halbes Jahr Sprechverbot. Sie wis- 
sen, wenn einer sich auflehnt, dann sperrt man ihn in 
eine Zelle allein ein, es war ein junger Mensch von 
kaum dreißig Jahren, und auch das erzählte er, daß 
die anderen, die sich zufriedengegeben hatten, für 
Fließarbeit, Sie wissen, was das ist, David, Fließ- 
arbeit, täglich sechs Pfennig Lohn bekommen haben. 
Aber als er herauskam, hat ihm die Regierung, die 
ihn einsperrte, eine Rechnung geschickt wegen seiner 
Verköstigung während der drei Jahre.“ Die Greisin 
lachte so laut, daß sie ihr Gebiß mit dem Rande des 
Fächers befestigen mußte. „Das ist Ihre gepriesene 
westliche Zivilisation, da können Sie mir von den 
Solowjetzkis erzählen, was Sie wollen, eine Rechnung 
für Verköstigung schicken, noch dazu einem Men- 
schen, der sechs Monate lang im Hungerstreik war — 
nein, aber was ich sagen wollte, wissen Sie, was dieser 
Mensch nun tut, dernach drei Jahren aus dem Gefäng- 
nis herauskommt, was tut er: er verkauft seine drei 
Jahre für ein Linsengericht. Da gibt es so eine Zeit- 
schrift für Müßiggänger und elegante Damen, so eine 
dumme Zeitschrift mit Bildern und kleinen pikanten
	        
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