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[13. Kapitel]

Full text: Es geschieht in Berlin / Holitscher, Arthur (Public Domain)

96 — 
Gekleideten vermengten ihre Stimme und ihren Ge- 
sang mit denen der in mehr oder minder gesicherten 
Lebensumständen Beruhigten, und über die Hände, 
die in die großen, auf der langen Tafel in kurzen Ab- 
ständen aufgestellten Frucht-, Backwerk- und Kon- 
fektschalen griffen, leuchteten Blickehinüber und her- 
über, bunte russische Laute erschollen, gemeinsamer 
Gesang melancholisch, dann heiter und wild, kla- 
gend, selbstentrückt und selbstvergessen zur Decke 
empor — auf die die früheren Besitzer der Villa, kunst- 
sinnige Patrizier, die während der Inflation voll- 
ständig verarmt waren und jetzt in einem kleinen 
Ort im Harz ein sparsam elendes Leben führten, 
von Klinger einen Olymp hatten malen lassen — die- 
ses Deckengemälde hatte durch seine genial gelösten 
perspektivischen Verkürzungen in der Kunstge- 
schichte des neunzehnten Jahrhunderts eine hervor- 
ragende Stelle erhalten. 
„Wenn unsere Reben rot werden und das Laub 
unserer Reben rot wird, 
Dann wirst du in das Land zurückkehren, und ich 
werde, 
Unter den Reben liegend, die Traubenkörner 
Zwischen deine Lippen pressen, 
Aber mein Mund wird süßer schmecken auf deiner 
Zunge 
Als der rote Wein unserer Kaukasusberge.“ 
Sie sangen die Worte mit. Manche hatten Tränen 
in den Augen, ja die meisten, aber sie sangen alle und
	        
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