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[Zweites Kapitel]

Full text: Mich hungert / Fink, Georg (Public Domain)

häusern Bratenduft und Küchenduft. Am Freitag 
schmeckte ich Fische in Buttersoße. Dort, im Ghetto, 
mußte man mich für dazugehörig halten. Da lernte 
ich Scholem alechem sagen und lernte den Juden 
kennen. 
Vater blieb an der Münzstraßenecke stehen und 
spähte mir nach. In dieser Straße mußte ich lügen. 
Ich spielte lieber den Stummen. Denn die Juden woll- 
ten wissen, wessen Sohn ich sei, und woher ich 
komme, und wer der traurige Vater sei, der mich auf 
die Straße schnorren schicke. 
„Nebbich, das Jeled,‘“ sagte manche jüdische Mut- 
ler von mir und drückte ihr Kind an sich. „Gib ihm 
was, Aron, ich bitt dich. Du tust ne Mitzwe an seiner 
Mutter.‘ 
„Nischt ans gesagt!‘ riefen alte Männer und drück- 
ten mir Geld in die Hand. 
Einer nahm mich mit in sein Haus, an seinen 
Freitagabendtisch. Und daran saß ich und log und 
hat zuletzt: 
„Ich darf es nicht sagen.“ 
Und sah dem Ritus zu, den Kopf bedeckt. Alles 
war mir fremd und seltsam, aber wozu konnte ich so 
gut mich anpassen, Theater spielen! 
Die Frauen trugen schwarze Seidenkleider und Gold- 
schmuck, die Kinder waren sauber gewaschen und ge- 
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